Übersetzung aus dem Finnischen:
Marja Haavisto
Titel der finnischen Originalausgabe:
Kalevalan avain, 6. Auflage
Kristosofinen Kirjallisuuseura ry, Tampere 2006 (1. Auflage 1916)
Kalevala-Zitate:
Kalevala, Suomalaisen Kirjallisuuden Seura, 1849
Deutsche Übersetzung:
Kalewala, das National-Epos der Finnen,
Anton Schiefner, Helsingfors 1852, J. C. Frenckel & Sohn
Zitate aus der alten Kalevala:
Marja Haavisto
Fußnoten in eckigen Klammern:
J.M.: Jouni Marjanan
M.H.: MarjaHaavisto
Publikationen der Ihmisyyden tunnustajat Nr. 124
ISBN 978-952-9834.86-0
Väinölä, Mänttä-Vilppula 2014
Dem Andenken von Elias Lönnrot gewidmet
VORWORT
Dieses Buch verteidigt und ehrt in der
Kalevala all das, was die Kultur von heute meist für aus der Luft gegriffen
hält: ihre Sagen, ihre Wunder, ihre Übertreibungen, ihre Abnormalitäten, und
der Leser sieht von der ersten Zeile an, dass der Autor es ernst meint.
Der Autor weiß, dass seine Kenntnisse
‒ verglichen mit den gelehrten Kalevala-Forschern ‒ eher gering sind und hätte
nicht den Mut gehabt, sich an diese Arbeit zu machen, wäre er nicht überzeugt
gewesen, dass der wahre Inhalt der Kalevala von den Gelehrten dennoch noch
nicht erkannt wurde.
Hiermit will der Autor keineswegs behaupten,
dass seine eigenen Kenntnisse über den wahren Inhalt der Kalevala erschöpfend
oder fehlerfrei wären; seine Ansichten sind ohne Zweifel mangelhaft und
berichtigungsbedürftig, doch wenn sie richtig verstanden werden, öffnen sie
neue Perspektiven für die künftige Forschung. Unter den [geisteswissenschaftlichen]
Forschungen zu diesem Thema kennt der Autor nur Folgendes: Hinweise der H. P.
Blavatsky in der Geheimlehre[1] und einem
Zeitschriftartikel „Kalevala, das finnische Nationalepos“, veröffentlicht in Lucifer 1888, außerdem andere
Erklärungsversuche dieser Art, wie z.B. das Heft von Martti Humu[2] Kalevalan sisäinen perintö
(Das innere Erbe der Kalevala), das oberflächlich und eher eine Einführung war,
den Artikel von Herman Hellner[3] „Kalevala ett teosofiskt diktwärk“ (Kalevala, eine theosophische
Dichtung), veröffentlicht 1904 in der Zeitschrift Teosofisk Tidskrift, und den Vortrag von Rudolf Steiner, den er am
9. April 1912 in Helsinki mit dem Titel „Das Wesen nationaler Epen mit
speziellem Hinweis auf Kalevala” hielt und der in demselben Jahr als Manuskript
gedruckt wurde. Deshalb wagt er zu hoffen, dass diese Abhandlung mit dem
Wohlwollen empfangen wird, das üblicherweise einem ersten Versuch zuteilwird.
Der Autor hofft, vorausgesetzt, das Schicksal gönnt es ihm, dass er sich in
viele Themen der finnischen Geheimwissenschaft, die er hier nur ansatzweise
berührt hat, bei seinen künftigen Forschungen eingehender vertiefen kann.
Denn, wie die Kalevala sagt:
Ei sanat salahan joua,
eikä luottehet lovehen,
mahti ei joua maan
rakohon,
vaikka mahtajat menevät.
Nimmer darf das Wort verborgen,
Nicht versteckt die Sprüche bleiben,
In die Erde nicht versinken,
Wenn die Zaubrer auch verschwinden.
In Sammatti, August 1916
Der Autor
I
DIE KALEVALA
ALS HEILIGE SCHRIFT
Ohne die Hilfe der Symbologie mit ihren sieben Unterabteilungen kann keine
alte Schrift jemals richtig verstanden werden. Die Symbologie muss nach jedem
einzelnen ihrer Gesichtspunkte hin studiert werden, denn jede Nation hatte
ihre besonderen Ausdrucksweisen.
H. P. Blavatsky
1. WAS IST DIE KALEVALA?
Die Frage, was die Kalevala ist, werden wir
in diesem Buch auf eine Weise beantworten, die vermutlich für die meisten Leser
fremd und neu ist. Wir werden gleich am Anfang über die Kalevala, ihre
Entstehung und ihren inneren Wert eine Meinung vertreten, die den Leser, ob
gelehrt oder ungelehrt, überraschen wird. Im weiteren Verlauf des Buches werden
wir dann unseren Standpunkt erläutern und verteidigen und überlassen es dem
wohlwollenden Leser zu beurteilen, ob es uns gelingt, ihn von dessen
Richtigkeit zu überzeugen, oder ob er sich immer noch über unsere recht
seltsame Meinung wundern und sie vielleicht missbilligen wird.
Bevor wir unsere eigene Antwort auf die
Kalevala-Frage geben, möchten wir mit ein paar Worten darauf hinweisen, was man
bei uns im Allgemeinen über die Kalevala gedacht hat und welchen Standpunkt die
wissenschaftlichen Forscher über diese Frage vertreten.
Elias Lönnrot, der große „Hervorträumer“ der
Kalevala, glaubte, dass sich in der Kalevala die alte permische Kultur[4] unserer Vorfahren widerspiegelte. Die Runen brachten vor unsere Augen
ein lebendiges Bild über die Vergangenheit des finnischen Volkes, über seine
Religion und seine Lebensweisen, über seine Bestrebungen, Ideale und Helden.
Der Glaube Lönnrots war ansteckend: Man fing an, sowohl bei uns in Finnland als
auch im Ausland, die Kalevala als eine Forschungsquelle der Vergangenheit des
finnischen Volkes zu betrachten. Mit der Kalevala wuchs das Ansehen des
finnischen Volkes rund um die Kulturwelt, und allmählich bemerkten alle, dass
dort im hohen Norden ein kleines, weltentlegenes Volk lebte, das ein Epos
hervorgebracht hat, das seinesgleichen in der Welt sucht. „Welch ein poetisches
Volk“, wurde überall geflüstert, „was hat es wohl für eine Vergangenheit hinter
sich! Wo ist wohl seine Geschichte! Das Volk der Helden und Schamanen!“
Dieser gewaltige Enthusiasmus weckte das
finnische Volk aus seinem Jahrhundertschlaf. Die Finnen fühlten sich als ein einheitliches
Volk, weil sie eine gemeinsame Vergangenheit und ein mächtiges Denkmal für jene
Vergangenheit hatten. Es war nur natürlich, dass diesem ersten, religiös-poetischen
Aufwachen ein weiteres, von Snellman initiiertes staatlich-sprachliches
Erwachen folgte. Das finnische Volk lernte sich selbst kennen und erkannte
seinen Platz auf der Weltbühne. Die prophetischen Worte des Alexander I. hatten
sich bewahrheitet: Das finnische Volk war als Nation unter die Nationen
getreten.
Heute leben wir in einer anderen Zeit. Die
Begeisterung hat nachgelassen. Die Kalevala ist nicht mehr das, was sie früher
war. Sie wird allerdings für ein Nationalepos gehalten und man liest sie in den
Schulen, doch auf wissenschaftlicher Ebene hat sie als historische Quelle ihre
Gültigkeit verloren. Die alte permische Kultur widerspiegelt sich doch nicht in
der Kalevala. Der Glaube Lönnrots, des großen finnischen Elias, war nur ein
Traum.
Die Kalevala erzählt von keiner verlorenen
goldenen Zeit. Sie ist eine Runensammlung und erzählt von Glücksträumen unseres
Volkes, von einem Sommerland, das in der Phantasie unseres Volkes lebte. Sie
beweist nur, welch ein mächtiger, unsterblicher Gesangsgeist dem finnischen
Volk immer eigen war.
Dieser Standpunkt wird von unseren Gelehrten
damit begründet, dass die Kalevala, wie gesagt, eine Runensammlung, kein
einheitliches Epos sei, das als solches in der Erinnerung des Volkes erhalten
geblieben wäre. Das Volk hat in zahlreichen Versionen, an unterschiedlichen
Orten und zu verschiedenen Zeiten von Väinämöinen, Ilmarinen, Lemminkäinen und
deren Heldentaten gesungen. Der eine Sänger hat von einem Thema, der andere von
einem anderen gesungen. Elias Lönnrot sammelte diese Runengesänge und fasste
sie zusammen; er war der erste, der mit unermüdlichem Eifer und festem Glauben
in Karelien, der Heimat der Sänger, wanderte und ein Wort hier, ein anderes da
fand und das Gehörte zusammenfasste und aus den Runen ein einheitliches Werk
zusammenstellte. Was vor ihm Porthan, Lencqvist, Ganander, Becker, Topelius
Senior[5] usw. getan hatten, war eher Vorbereitungsarbeit mit diversen Aufzeichnungen
gewesen. Doch nach Lönnrot sind neue Sammlungsreisen unternommen worden,
Manuskripte und Notizen von Lönnrot sind wissenschaftlich präzisiert worden,
und man ist zu der endgültigen Klarheit und Überzeugung gekommen, die heute in
der Kalevala-Forschung herrscht. Lönnrot selbst war der letzte große
Runensänger. Er war dermaßen vom Geist der Kalevala durchdrungen, dass er das
schaffen konnte, was vor ihm keiner zustande gebracht hatte: Er konnte aus
einzelnen Runenstücken ein beinahe einheitliches Epos schaffen. Er vertiefte
sich, sich selbst vergessend, dermaßen in den Geist des finnischen Volkes, dass
er – wie Eino Leino[6] sagte – „der in Selbstbewusstheit gelangte finnische Nationalgeist des
damaligen Finnlands“ war.[7] Die
Kalevala war deshalb sein Werk, selbst wenn er nicht der Autor der Runen war.
Genauere Forschung hat auch gezeigt, dass die
Runen der Kalevala nicht gleich alt, nicht aus der gleichen Urzeit stammen. Die
einen sind aus der heidnischen, die anderen aus der christlichen Zeit – z.B.
die letzte, die 50. Rune, ist mit Sicherheit christlich. So gesehen ist es
unmöglich, die Kalevala für ein historisches Denkmal aus der fernen
Vergangenheit zu halten. Natürlich sieht man darin Hinweise auf das Leben des
finnischen Volkes und vor allem deutliche Zeichen einer religiösen, oder besser
gesagt, abergläubisch-poetischen Weltanschauung, doch diese gehören nicht zu
einer rein heidnischen, sondern zum Grenzbereich zwischen der heidnischen und
der christlicher Zeit. So kann man sagen, dass das, was wir an der Kalevala
bewundern, im Lichte der Forschung, wie Prof. K. Krohn[8] sagt, „poetisch verhülltes Christentum“ ist.[9]
Vor Kurzem hat man sogar behauptet, dass der
Inhalt der Kalevala eigentlich kein Produkt des finnischen Geistes, sondern von
den Germanen entlehnt sei. Aus dem Westen seien Könige und Helden
hierhergekommen. Sie hätten Runen und Lieder über alte Magier mit sich gebracht
und es wären Runen über sie selbst gesungen worden. Somit wären die Helden von
Kalevala keine Finnen gewesen, sondern fremde Wikinger, und die Heldenträume
der Finnen hätten ihren Ursprung woanders, nicht im Herzen unseres Volkes
gehabt.
Das sind, kurz gefasst, die bisherigen
Errungenschaften der wissenschaftlichen Forschung. Sollten sie wirklich der
Wahrheit entsprechen, dann hätte man die Arbeit Lönnrots – tiefer betrachtet –
irgendwie zunichte gemacht. Übrig geblieben von seiner Kalevala wären nur die
schöne Form und die künstlerische Gestaltung; die nationale Bedeutung der
Kalevala hingegen würde bereits zur Vergangenheit gehören. Sie hätte ihre
Aufgabe erledigt, indem sie im neunzehnten Jahrhundert die Menschen aufweckte.
Heute könnte sie, zusammen mit anderen Antiquitäten, auf ein Regal zur Schau gestellt
werden.
Was würden dazu die wahren Verehrer der
Kalevala und die Freunde des finnischen Nationalgeistes sagen? Wo kämen ihre
wunderbaren Träume über die alte finnische Kultur hin, wohin ihre Wünsche und
Hoffnungen über die Zukunft Finnlands? Ihr das Vaterland liebende Herz müsste
seufzend und klagend ausrufen: „Wer kann noch meine Wunden heilen? Gibt es noch
einen Mann, der mein Herz mit neuem Glauben füllen könnte?“
Jetzt sind wir an der Reihe, auf die Bühne zu
treten. Es ist an der Zeit, dass nun wir, die wir in der Kalevala etwas sehen,
was die anderen noch nicht geahnt haben und die wir von der Kalevala das
glauben, was sie selbst von ihrem Väinämöinen glaubte, unsere Stimme erheben
und ‒ auch zu unserem eigenen Herzen ‒ sagen: „Sei getrost! Es ist nichts
verloren, denn es ist noch nicht einmal etwas gefunden worden. Und auch wissenschaftliche
Forschungen sind noch nicht ausgeschöpft. Es werden noch neue Beobachtungen und
Entdeckungen gemacht, die die heutigen Schlussfolgerungen widerlegen werden.
Doch was kümmert uns das! Der wahre Wert der Kalevala liegt woanders. Ihr
wahrer Wert liegt in ihrem eigenen, geheimen Inhalt.“
Und wenn wir nun unsere neue und ungewöhnliche
Meinung über die Kalevala vorbringen wollen, können wir, in Anbetracht der
Wunden, die die Forschung unserem das Vaterland liebenden Herzen zugefügt hat,
mit Recht fragen: Brauchen wir einen Mann, um sie zu heilen? Taugt nicht die
Kalevala selbst zum Arzt? Könnte man nicht die Heilung dort finden, wo die Krankheit
selbst entstanden ist? Sollte die Kalevala, wissenschaftlich gedeutet, unsere
nationalen Träume vernichten, dann wird sie uns vielleicht, anders ausgelegt,
die hinter den Träumen liegende Wahrheit enthüllen! Vielleicht ist die Kalevala
ein ganz anderes Buch als für welches sie die Gelehrten gehalten haben. Vielleicht
kann man sie mit den sogenannten heiligen Schriften der Weltliteratur
vergleichen. Lasst uns ein wenig nachdenken. Wenn die Kalevala in der
heidnischen Zeit in der jetzigen Form existiert hätte, für wie wertvoll hätte
wohl das finnische Volk sie gehalten? Hätte nicht das Volk darin sich selbst
wie in einem Spiegel gesehen, hätte es nicht darin seine edelsten Bestrebungen,
sein ewigstes Selbst gesehen? Hätte es nicht in der Kalevala Trost und Rat für
seine Seele, Freude für sein Herz, Ruhe für sein Gewissen gesucht? Ohne
Zweifel. Die Kalevala wäre sein wertvollster Schatz, das heilige Erbe seiner
Väter gewesen. Sie wäre seine Bibel, seine heilige Schrift gewesen.
Und wenn es damals so gewesen wäre, warum
könnten wir nicht heute denselben Standpunkt vertreten? Warum sollten wir die
Kalevala nicht als eine heilige Schrift betrachten? Warum könnten wir sie jetzt
nicht auf eine andere Weise als ein gewöhnliches Buch studieren?
Vom Neuen Testament hat man ja behauptet, dass
seine historische Gültigkeit sehr fragwürdig sei. Sogar die Existenz Jesu hat
man in Frage gestellt. Hat das aber den geistigen Wert des Neuen Testamentes
verringert? Hat das die Christenheit zur Verzweiflung gestürzt? Ganz und gar
nicht. Die Christenheit hat sich in ihrem Glauben nicht erschüttern lassen. Sie
glaubt an Jesus, weil das Neue Testament von ihm zeugt. Und warum zeugt das
Neue Testament von ihm? Darum, weil es ein lebendiges Buch ist. Das beste
Gegengift ist, das Neue Testament zu lesen. Wenn man es liest – nicht wie ein
akribischer Kritiker, der nach historischen Schwächen sucht, sondern wie ein
Mensch, der aufrichtig nach der Wahrheit sucht, die ihm das Buch geben mag,
dann spricht das Neue Testament selbst für sich. Dann bekennt der Christ das
Herz voller Freude: Das Testament ist heilig, denn es öffnet mir die geistige
Sicht; Jesus ist lebendig, denn er erweckt in mir das Leben.
Wie wäre es, wenn nun das Gleiche für die
Kalevala gelten würde? Wie wäre es, wenn auch sie eine heilige Schrift für denjenigen
wäre, der sie im richtigen Geist lesen könnte?
Das möchten wir gern behaupten, und dieses
Thema sollten wir etwas genauer betrachten. Wir sollten herausfinden, in
welchem Sinne die Kalevala eine „Heilige Schrift“ sein könnte.
2. DIE KALEVALA ALS HEILIGE SCHRIFT
Wir fragen zuerst: Was ist eine heilige
Schrift? Gibt es dafür eine sozusagen technische Definition, eine Definition,
die keine Aufstellung schwer definierbarer Merkmale, sondern treffend und
präzise wäre?
Ja, so eine gibt es, aber ein voreingenommener
religiöser Mensch oder ein eingefleischter Materialist versteht sie nicht. Nur
ein frei denkender Mensch ‒ im wahrsten Sinne des Wortes ‒ versteht die
technische Definition der heiligen Schrift.
In welchem Sinne können nämlich ein religiöser
Mensch und ein Materialist sich die Hand reichen? In dem Sinne, dass beide für
das menschliche Wissen Grenzen setzen. Beide geben zu, dass der Wissensbereich
des Menschen in der materiellen und der sichtbaren Welt in weite Entfernung
reichend ist: Der Mensch hat mit seinem Fernrohr Universen gemessen und mit
seinem Mikroskop die für das Auge unsichtbare Mikrowelt erforscht; für seine Kenntnisse
der sichtbaren Welt auf unserer Erdkugel gibt es keine Grenzen, und er bildet
sich ein, dass es für das Auge der Vernunft auch in der Seelenwelt des Menschen
nicht viele Geheimnisse gibt. Doch beide sind sich darin einig, dass das
menschliche Wissensvermögen sich nicht über gewisse Grenzen hinweg erstreckt.
Das Rätsel des Todes kann der Mensch nicht lösen, die unsichtbare Welt kann er
nicht erforschen; er ist nicht in der Lage, den Lebensspender und Schöpfer von
Angesicht zu Angesicht anzusprechen. Der Unterschied liegt nur darin, dass der
religiöse Mensch sagt: Gott hat uns verboten, Dinge zu erforschen, von denen
wir nichts wissen können, während der Materialist den gordischen Knoten mit
einem Schlag öffnet und ausruft: Da seht ihr jetzt, dass es keinen Knoten gab!
Es gibt nichts zu erforschen, weder jenseits des Todes, noch in der
unsichtbaren Welt, denn die unsichtbare Welt gibt es nicht, und jenseits des
Todes grinst die Leere.
Der hochmütige Materialist sieht nicht ein,
dass er das Zepter des Wissens vorzeitig in die Hand nimmt und behauptet, das
größte Geheimnis zu kennen, wenn er dem Tod das Leben abspricht; und der blind
Glaubende bemerkt nicht, dass er auf dem Weg des Lebens absichtlich die Augen
schließt, obwohl er vielleicht in der Lage wäre, sie weit zu öffnen.
Um gestehen zu können, dass das menschliche
Wissen sich weit über die normalen Verhältnisse erstrecken kann, muss der
Mensch deshalb wirklich frei sein. Nur ein geistig freier Mensch kann zugeben:
Vielleicht ‒ ja, vermutlich ‒ kann das menschliche Wissen Dinge umfassen, die
übernatürlich erscheinen. Der Apostel sagt ja: „Der Geist erforscht alle Dinge,
auch die Tiefen der Gottheit.“
Um zu verstehen, was eine heilige Schrift ist,
müssen wir uns vielleicht auf diesen Standpunkt stellen und zugeben, dass der
Mensch vielleicht zur Erkenntnis übernatürlicher Dinge gelangen kann.
Weshalb sollten wir uns auf einen solchen
Standpunkt stellen? Dazu gibt es einen wahren historischen Grund. Alle bekannten
Völker haben ihre geistigen Giganten, ihre rätselhaften Menschen gehabt, die
behauptet haben, dass sie mehr wissen als Normalsterbliche. Dazu zählen große
Philosophen und Denker, große Dichter und Propheten, große Gottessöhne und Heilande.
Dass auch Jesus zum Gott ernannt wurde, war nicht seine Schuld. Er selbst
nannte sich Menschensohn. Selbst wenn die Existenz Jesu in Frage gestellt
werden würde, so ist das Leben Buddhas sicher und historisch belegt. Und Buddha
sagte ‒ wie Jesus der Evangelien und die Weisen Indiens: Folgt mir nach, denn
ich kenne die Wahrheit.
Wenn wir das Leben dieser großen Weisen vor
unseren Augen haben, haben wir kein Recht, misstrauisch zu sein und zu sagen:
Woher wissen wir, dass sie wussten? Als freie Menschen sollten wir höchstens
sagen: Ja, vielleicht wussten sie, aber wie können wir wissen, dass sie
wussten? Haben sie Beweise hinterlassen?
Diese Frage führt uns dann zu den
heiligen Schriften. Heilige Schriften sind Beweisstücke der Weisen. Aber wie?
So, dass in ihnen die Weisheit der Weisen verborgen liegt. Doch wie können wir
das wissen? Wir sehen es, wenn das Wissen in uns selbst erwacht… Wie bitte? Das
ist ja eine mutige Behauptung. Kann also der Mensch auch in unseren Tagen zur
Erkenntnis der übernatürlichen Dinge gelangen? Selbstverständlich. Auf welche Weise?
Wie kann er zur Erkenntnis gelangen? Indem er den Weg geht, der in den heiligen
Schriften gewiesen wird.
Unsere Argumentation scheint sich wirklich im
Kreis zu drehen. Und dennoch ist sie ganz logisch. Wenn der Mensch nach der
Wahrheit mit einer Methode sucht, die in einer der heiligen Schriften gelehrt
wird, gelangt er zur Erkenntnis der Wahrheit. Und wenn er zur Erkenntnis
gelangt ist, sieht er, dass die heilige Schrift wirklich heilig ist, weil darin
Weisheit über Leben und Tod verborgen liegt. Und weil in der heiligen Schrift
Weisheit verborgen liegt, müssen die ursprünglichen Aufzeichner der Weisheit
große Wissende gewesen sein. Also müssen Weise auch früher gelebt haben.
Wie sollten wir nun die heilige Schrift
definieren? Sie ist ein Buch, in dem göttliche Mysterien über Leben und Tod
verborgen liegen, ein Wegweiser des Wahrheitssuchenden zur scheinbar
übernatürlichen Erkenntnis.
Wenn nun die Kalevala eine heilige Schrift
wäre, wie sollte man sie dann verstehen? Man wird wohl nicht meinen, dass jeder
Satz in der Kalevala, vielleicht sogar jedes Wort, verborgene Weisheit enthielte?
Keineswegs. Mit einer solchen Auffassung, die eher wie eine mechanisch
inspirierte orthodoxe Theorie ist, wollen wir nichts zu tun haben. Der
Buchstabe ist nicht heilig, die Form ist nicht ewig. „Der Buchstabe tötet, aber
der Geist macht lebendig.“ „Heilig“ in dem Buch sind gewisse großartige
Vorstellungen und Gedankenbilder. Die Form um sie herum ist manchmal
ursprünglich rein, manchmal mit Zusätzen verziert. Die Gedankenbilder stammen
aus Mysterien und berichten über die gleiche ewige Weisheit wie die der anderen
heiligen Schriften.
Nehmen wir nun an, dass die Kalevala in dieser
Bedeutung eine heilige Schrift ist.[10]
Was beweist sie dann?
Sie beweist, dass unter dem finnischen Volk
irgendwann in der Vergangenheit ‒ oder später ‒ Weise gelebt haben. Sie beweist,
dass das finnische Volk ein geistig gebildetes Volk ist ‒ oder zumindest früher
war ‒ weil darin Weise geboren werden konnten. Sie beweist, dass das finnische
Volk eine Vergangenheit hinter sich hat. Die Annahme, dass die Helden der
Kalevala keine Finnen gewesen wären, versinkt in Nichtigkeit. Die poetische
Form der Kalevala ist echt finnisch. Wie hätte auch das finnische Volk fremden
Vorstellungen eine Form geben können und sie in seiner Erinnerung behalten
können? Die Blume des Wissens hat im eigenen Herzen des Volkes aufgeblüht und
die eigene Sprache des Volkes hat von ihrer Herrlichkeit erzählt, wie die
Kalevala selbst über Väinämöinen singt:
Vaka vanha Väinämöinen
Elelevi aikojansa
Noilla Väinölän ahoilla,
Kalevalan kankahilla,
Laulelevi virsiänsä,
Laulelevi, taitelevi.
Lauloi päivät
pääksytysten,
Yhytysten yöt saneli.
Muinaisia muisteloita,
Noita syntyjä syviä,
Joit’ ei laula kaikki
lapset,
Ymmärrä yhet urohot
Tällä inhalla iällä,
Katovalla kannikalla.
Wäinämöinen alt und wahrhaft
Lebte nun sein liebes Leben
Auf den Fluren von Wäinölä,
Auf den Flächen Kalewala’s,
Sang dort seine lieben Lieder,
Sang beständig voller Weisheit.
Sang von einem Tag zum andern,
Nahm die Nächte selbst zu Hülfe,
Sang Geschichten alter Zeiten,
Sang den Ursprung aller Dinge,
Was die Kinder nimmer können,
Nicht ein jeder Held verstehet
Jetzt in diesen schlimmen Zeiten
Bei dem sinkenden Geschlechte. [3. Rune]
3. DER SCHLÜSSEL ZUR KALEVALA
Wenn wir nun annehmen, dass die Kalevala ein
heiliges Buch ist und geheimes Wissen über Leben und Tod sowie Anweisungen zur
Erlangung dieses Wissens enthält, wie kann dann ein gewöhnlicher Leser, der
selbst keine übernatürlichen Kenntnisse besitzt, das sehen? Hat er, von diesem
Standpunkt aus gesehen, vom Lesen der Kalevala überhaupt einen Nutzen?
Man muss zugeben, dass der gewöhnliche Leser
hier auf eine Schwierigkeit stößt. Er kann die geheime Weisheit der Kalevala
nicht sehen. Er bewundert die Schönheit der Gestaltung, den poetischen Geist, die
Ästhetik der Kalevala. Die Beschreibung der Natur und der Personen lassen sich
mit den besten der Weltliteratur vergleichen; ihre aufrichtige, menschliche
Darstellungsweise macht sie z.B. vielen Büchern des Alten Testamentes
überlegen. Doch wie könnte man in den geheimen Inhalt der Kalevala eindringen,
wie kann man wissen, dass die sagenumwobenen Erzählungen z.B. über den Sampo
und dessen Raub nicht bloß abergläubische Einbildung sind? Die Kalevala ist wirklich
wie ein geschlossenes Buch, und es bedürfte einer Art Schlüssel, um sie zu
verstehen. Ein Wissender könnte diesen Schlüssel in sich selbst finden, aber
ein gewöhnlicher Leser hat ihn nicht. Wo kann er ihn finden?
Es gibt heilige Schriften, die ziemlich leicht
zu lesen sind, wie z.B. das Neue Testament. Damit meinen wir nicht, dass jedermann
das Neue Testament sofort als eine heilige Schrift lesen könnte. Ich befürchte,
dass viele Leser niemals geahnt haben, in welcher Hinsicht ihr liebes Testament
heilig ist. Wir meinen nur, dass der Wahrheitssuchende, wenn er aufmerksam
genug ist, ziemlich leicht selbst darauf kommt, wie man das Neue Testament
lesen sollte und welche wunderbaren Geheimnisse diese heilige Schrift ihm dann
enthüllt.[11]
Es ist deshalb leicht, weil das Neue Testament
hauptsächlich ein Ratgeber ist, der Anweisungen zum Streben nach Erkenntnis der
Wahrheit gibt. Das Neue Testament ist zu einer Zeit und für Menschen
geschrieben, denen der Weg zur Erkenntnis mit seinen Gefahren und Schwierigkeiten
allgemein bekannt gemacht werden durfte, weil der intellektuelle Bildungsstand
der Menschheit am Steigen war. Bei den älteren Kulturen wiederum war die
Existenz des Weges der Erkenntnis besser bekannt, doch die Einzelheiten über
dessen Art und die einzelnen Schritte waren geheim; sie wurden von den Lehrern
und Weisen gleichsam in Beschlag gehalten. Die heiligen Schriften aus den alten
Zeiten sind deshalb bei der Darstellung der ewigen Wahrheiten in größere
Mysterien verhüllt.
Die Kalevala ‒ obwohl als Buch neu ‒ gehört
ihrem Inhalt nach zu den alten Anleitungsschriften zu Mysterien. Ihr wichtigster
Aspekt ist natürlich die Schilderung des Weges zur Erkenntnis, die Art und
Weise, wie sie Anweisungen zur Wahrheitssuche gibt. Doch zugleich enthält sie, sogar
viel mehr als z.B. die Evangelien, Schilderungen über die Erkenntnisse, die der
Wahrheitssuchende auf seinem Weg zum Wissenden erreicht hat, d.h. Schilderungen
über die Verhältnisse und Lebewesen der unsichtbaren Welt, mit anderen Worten
über das empirisch-metaphysische Weltbild des Wissenden.
Um die Kalevala von der mystischen Seite her
verstehen zu können, müsste der gewöhnliche Leser also nur eine Ahnung von dem
Weltbild der Weisen haben. Dann hätte er in seiner Hand den Schlüssel, mit dem
er die Schlösser der Kalevala und der anderen heiligen Schriften öffnen könnte.
Und wenn sich ihm einmal der mystische Hintergrund der Kalevala öffnen würde,
dann wäre es vielleicht nicht allzu schwer, darin die Wegweiser auf den Weg der
Erkenntnis ausfindig zu machen.
Ist es nun möglich, sich einen solchen
Schlüssel zu beschaffen? Ja, in unseren Tagen ist es durchaus nicht unmöglich,
denn es gibt eine Weltanschauung, mit der sich jeder vertraut machen kann und
die den Anspruch erhebt, den Wissenden eigen zu sein. Sie ist bei unseren
Nachforschungen hilfreich, selbst wenn wir sie nur als eine Art Arbeitshypothese
betrachten würden. Wir können jedoch recht bald bemerken, dass die Weisen,
soweit wir wissen, die gleiche Weltanschauung gehabt haben und dass diese in
allen Religionen als geheime Weisheit, als die esoterische Seite der
Religionen, mitgewirkt hat. Es handelt sich um die sogenannte theosophische
Weltanschauung, deren erste Verkünderin in unserer Zeit Madame H. P. Blavatsky
war. Das theosophische Weltbild wird in der Geheimlehre
und in anderen Büchern von Madame Blavatsky sowie in der umfangreichen
theosophischen Literatur in verschiedenen Sprachen dargestellt. Diese moderne
Theosophie ist kein Lehrsystem. Sie enthält nur Züge vom Weltbild der Weisen,
stückhafte Züge, wie H. P. Blavatsky zu sagen pflegte. Doch jene Züge sind so
grundlegend, dass sie als solche ein einheitliches Weltbild ausmachen.
Um diese uralte Weisheit kurz darzustellen,
würden wir, wie Die Geheimlehre, sagen, dass es sich dabei
um folgende Themen handelt: 1) Die absolute Gottheit, die nicht offenbarte
Grundlage und Basis des ganzen offenbarten Lebens, in deren unberührte Ruhe das
Gute und das Böse wie in die Tiefen des Ozeans versinken; 2) den geoffenbarten
Gott, den sogenannten dreifaltigen Logos, der alle Gegensätze und Widersprüche
des Geistes und der Materie, des Guten und des Bösen, manifestiert und als
reale Wirklichkeit das gemeinsame Bewusstsein unzähliger Wesen der Welt, der
Götter usw. ist; 3) das Gesetz der Periodizität, nach dem Schöpfung und
Vernichtung, Leben und Tod, Tag und Nacht ununterbrochen einander folgen, so
dass auch das menschliche Leben ein immer wiederkehrender Wechsel vom Leben zum
Tod und vom Tod zum Leben (die sogenannte Wiedergeburt oder Reinkarnation) ist,
bis er, zur göttlichen Weisheit gelangt, sich vom Rad der Wiedergeburten befreit;
4) das Gesetz des ewigen Gleichgewichts und der Ursache und Wirkung, nach dem
nicht einmal der kleinste Kraftausbruch im Universum verloren geht, sondern mit
der gleichen unfehlbaren Sicherheit Folgen verursacht, wie auch er selbst von einem
bestimmten Grund verursacht wurde (das sogenannte Gesetz des Karma); 5) die
Existenz der Weisen, der sogenannten Geheimen Bruderschaft, die über das
Schicksal und die Entwicklung unserer Menschheit wacht und ‒ wenn es notwendig
wird ‒ ihr z.B. durch einen ihrer Abgesandten auch in sichtbarer Weise hilft.
Wenn wir uns nun an die Arbeit machen, den
Runen der Kalevala nachzuforschen, werden diese Dinge dem Leser, wenn er nicht
bereits das theosophische Weltbild kennt, in ihren Einzelheiten sicherlich
klar. Zuerst genügt uns das Wissen, dass der Schlüssel, mit dem die
sinnbildliche Bedeutung der Kalevala geöffnet wird, das theosophische Weltbild
ist.
Unsere Forschung setzt sich aus drei Teilen
zusammen. Im ersten Teil betrachten wir einige Runen oder Runenstücke im Licht
der uralten Weisheit, um zu sehen, dass auch der intellektuell-geistige
Hintergrund der Kalevala der Gleiche ist, wie der der anderen heiligen Schriften;
wir betrachten die Gotteslehre der Kalevala, die Schöpfungsgeschichte, die
Auffassung über den Tod usw. Im zweiten Teil erläutern wir zuerst die menschliche
Entwicklungspsychologie in der Kalevala; wir betrachten, welche Anweisungen uns
die Kalevala für die Wahrheitssuche und die ersten Schritte auf dem Weg zum
Wissen gibt; zweitens versuchen wir, einen Blick auf die höhere geistige
Entwicklung des göttlichen Menschen, auf den sogenannten heiligen Weg, den
geheimen Weg des Wissens ‒ insofern, wie er in der Kalevala beschrieben wurde ‒
zu werfen. Im dritten Teil betrachten wir schließlich kurz die Magie der
Kalevala, d.h. die Anwendung der auf dem Weg des Wissens erreichten „übersinnlichen“
Fähigkeiten.
Der Leser wird sich natürlich über unsere
Worte wundern. „Könnte die Kalevala wirklich so hohe und tiefe Dinge enthalten?
Könnte sie vielleicht mehr und erstaunlichere Dinge enthalten, als auch nur ein
Runensänger jemals geahnt hätte! Elias Lönnrot hat sicherlich davon keine
Ahnung gehabt.“ Vermutlich nicht. Aber wir leben jetzt in einer neuen Zeit. Die
Sturmflut des Materialismus ist an uns vorübergezogen. Wir sind dabei, wieder
auf den Wellenkamm des Geistes zu steigen. Das spiritualistische Weltbild
schleicht in die Seelen der Menschen ein. Die neue Zeit erweist den alten
heiligen Schriften die Ehre, die ihnen gebührt, und enthüllt uns ihre
verborgenen Reichtümer. Auch die Kalevala wird unter ihren Geschwistern als
eine Schwester begrüßt.
Madame Blavatsky handelte nicht unüberlegt
oder willkürlich, als sie zum Motto des ersten Teils ihres Hauptwerkes Die Geheimlehre einige Strophen aus dem
alten indischen Rigveda und zu dem des zweiten Teils Auszüge aus der ersten
Rune der Kalevala setzte. Und sie hatte nicht Unrecht, als sie sagte: „Die
tiefere und esoterischere Bedeutung der Kalevala besteht im Kampf zwischen
Licht und Finsternis, zwischen Gut und Böse. Das Volk von Kalevala vertritt das
Licht und die guten Kräfte und das Volk von Pohjola die bösen Kräfte. Das kann
man mit dem Kampf zwischen Ormuzd und Ahriman, den Ariern und Rakshasas sowie
den Pandus und Kurus vergleichen.“[12]
II
MYSTERIUMWISSEN
DER KALEVALA
THEOLOGISCHER,
ANTHROPOLOGISCHER UND
SOTERIOLOGISCHER SCHLÜSSEL
4. WAR DIE RELIGION DER ALTEN FINNEN NICHT ANIMISMUS?
Wenn der wohlwollende Leser sich von seinem
Staunen über unsere bisherigen Ausführungen erholt hat, überkommt ihn
vielleicht der Zweifel. Er wird den Kopf schütteln und sagen: „Diese Rede über
die Kalevala als heilige Schrift ist ja Unsinn! Die Religion der alten Finnen
war doch Animismus und Manismus; sie waren also Natur- und Ahnenanbeter und
ihre Weisen waren Hexen und Schamanen. Erst der christliche Glaube hat unser
Volk von jenem heidnischen Aberglauben befreit.“
Der Zweifel des Lesers findet tatsächlich seine
Bestätigung in der neueren wissenschaftlichen Literatur über die Kalevala und in
der Lebensanschauung der alten Finnen. Nehmen wir ein Beispiel aus der jüngsten
Zeit: Kaarle Krohn schreibt in seinem Vorwort zur Publikation Suomensuvun uskonnot (die Religionen des
finnischen Völkerstammes) ausdrücklich: „Die vergleichende Wissenschaft ist zu
dem Ergebnis gekommen, dass die für alle finnisch-ugrischen Völker gemeinsame
Religionsform die Anbetung der Ahnen war.“[13]
Das interessante Buch Suomalaisten
runojen uskonto (Die Religion der finnischen Runen) von dem oben genannten Gelehrten,
das den ersten Teil der o.a. Publikation bildet, erläutert dann ausführlich die
religiösen Auffassungen unserer Ahnen. Es beschreibt den finnischen Magier mit
seinen Zaubertricks, die Unterwelt mit ihren Bewohnern, die Natur mit ihren
Naturgeistern und auch ausführlich den Einfluss der christlichen Lehren auf die
alten heidnischen Auffassungen. Das spirituelle Leben der alten Finnen wird
dadurch mit einer wissenschaftlichen Bezeichnung versehen: Es ist Animismus,
weil die Finnen die Natur belebten und sie gleichsam mit einer Seele (anima) versahen; es ist Manismus, weil
sie Geister der Verstorbenen (manes)
anbeteten; ferner ist es Schamanismus, weil sie glaubten, dass einige
auserwählte Medizinmänner (Schamanen)
übernatürliche Kräfte besaßen. Wie könnte also die Kalevala eine heilige
Schrift, wie z.B. die Bibel, sein? Der Animismus und Schamanismus unserer Ahnen
manifestieren sich natürlich in der Kalevala: Sie ist voll von Beschwörungsformeln,
Zaubersprüchen und anbetenden Gefühlen der Natur gegenüber!
Ist nun mit diesem Gegenargument unsere
ursprüngliche Aussage über die Kalevala widerlegt? Ja, nach der Meinung der
christlich und materialistisch denkenden Menschen vielleicht, aber unserer
eigenen Meinung nach durchaus nicht.
Der Autor dieses Buches ist kein ‒ in der
akademischen Bedeutung des Wortes ‒ Kalevala-Gelehrter. Wenn er den Mut hat, an
seiner eigenen Meinung festzuhalten und sie öffentlich bekanntzugeben, obwohl er
sehr gut weiß, dass die Gelehrtenwelt bisher noch eine gegenteilige Ansicht vertritt,
so gründet sich das nicht darauf, dass er umfangreichere wissenschaftliche
Forschungen getrieben hätte. Für so etwas hat er weder Gelegenheit noch
Befähigung gehabt. Seine mutige Meinung gründet sich auf Forschungen ganz
anderer Art. Wie diese Forschungen sind, das wird dem Leser dieses Buches
sicherlich noch klar. Er möchte nur betonen, dass er von der Richtigkeit seines
Standpunktes vollkommen überzeugt ist, während er zweifeln möchte, ob die
Gelehrten ebenso sicher sind, dass ihre Schlussfolgerungen richtig sind. Professor
Krohn z.B. glaubt, dass die Kalevala um die 700 bis 1100 n.Chr. in Finnland entstanden
sei. Das kann höchstens auf die sozusagen förmliche Entstehung der Kalevala
zutreffen. Doch die Form der Runen ist nicht die gleiche wie ihr geistiger
Inhalt. Die Form kann sich im Laufe der Zeit verändert haben und ihre
Entstehung kann festgestellt werden. Doch ihr lebendiger Geist ist uralt und
unverändert und ist immer, von Form zu Form, in den Runen verborgen, überliefert
worden. Und der Autor dieses Buches bezweifelt auch die allzu große
Überzeugung, was auch die förmliche Entstehung der Runen anbelangt. Er glaubt,
dass es wenigstens Runenstücke gibt, die Tausende Jahre alt sind. Wir
überlassen es der immer fortschreitenden wissenschaftlichen Forschung, die
förmliche Entstehung der Runen ausführlicher zu klären.[14]
Selbst wenn wir den heutigen Standpunkt der
Gelehrtenwelt in der Kalevala-Frage im Auge behalten, erschüttert es unseren
eigenen Standpunkt keineswegs. Als Begründung für unsere Überzeugung dient zum
Teil auch die Tatsache, dass wir den geistigen Inhalt der Kalevala erforschen,
während die Gelehrten sich in ihren Nachforschungen auf den förmlichen und
äußeren Inhalt beschränkt haben. Und, wie bereits gesagt, nur ein durchaus frei
denkender Mensch wird unseren Standpunkt a
priori verstehen.
Auf dem Gebiet des religiösen Lebens und der
Religionen herrscht dasselbe Gesetz der Entwicklung, des Fortschritts und des
Rückgangs wie auf anderen Gebieten, und die Forscher haben auf Grund dessen die
Phänomene des religiösen Lebens in große Gruppen einteilen können, in denen die
Entwicklung von unten nach oben klar ersichtlich ist. Auch das Christentum erhält
somit seinen eigenen Platz unter den anderen Religionen. „Wir müssen die
Religionen nicht so eingliedern, dass wir das Christentum als die einzig
richtige auf die eine Seite und alle anderen als völlig falsche auf die andere
Seite stellen; unserer Meinung nach ist keine Religion bloßer Aberglaube und
wir sprechen keiner den führenden Einfluss Gottes ab… Im Lichte dieses
Entwicklungsprinzips können wir auch am niedrigsten Religionssystem etwas Gutes
finden, und wir sehen, dass das Gute und Rechte, nicht das Böse und Falsche,
das endgültige Ziel auch der geringsten Religion ist“, sagt die aufgeklärte moderne
Forschung.[15] Bei
der Klassifizierung der Religionssysteme gerät der Animismus auf die niedrigste
Stufe und bildet immer und überall die ursprüngliche Religion der Naturvölker.
Vertreter der weiteren Entwicklung sind völkische Religionen, wie z.B. der
Jehovakult der Juden, und den höchsten Entwicklungsstand haben die Weltreligionen
erreicht, zu denen faktisch nur zwei, der Buddhismus und das Christentum,
gezählt werden.
Unser Standpunkt steht keineswegs im
Widerspruch zu dieser Klassifizierung. Wir geben zu, dass Entwicklung
stattgefunden hat und dass die alten Finnen nach dieser Klassifizierung Anbeter
der Natur, also Animisten, waren. Unsere Behauptung hat ein anderes Ziel. Die
religiöse Entwicklung der Menschheit ist eksoterischer,
d.h. äußerer Natur und ein gesellschaftliches Phänomen; doch neben den
exoterischen Religionssystemen haben immer esoterische,
d.h. innere religiöse Bestrebungen mitgewirkt, die ein individuelles Phänomen
darstellen.
Dieses bedarf einer weiteren Erklärung.
Die Religionswissenschaftler benutzen
allerdings ständig Wörter wie Geistwelt, unsichtbare Welt, Gott, Unterwelt, Naturgeist
usw., die jedoch sicherlich für manche nur tote Begriffe sind. Sie glauben
nicht, dass sie eine Entsprechung in der realen Welt hätten; die unsichtbare
Welt als solche ist für sie ein ungelöstes Rätsel. Wir Spiritualisten denken
anders. Für uns ist die unsichtbare Welt mit all ihren Kräften und Wesenheiten
eine Selbstverständlichkeit. Und weil in der sichtbaren Welt absolute
Gesetzmäßigkeit herrscht, müssen wir annehmen, dass auch die unsichtbare Welt
kein Chaos, sondern ein geordneter Kosmos ist. Auch darin herrschen
unerschütterliche Gesetzte. In seinem körperlichen Wesen ist der Mensch Bürger
der sichtbaren Welt und in seinem seelischen und geistigen Wesen gehört er
zugleich zur Geistwelt. Der Unterschied liegt nur darin, dass das Verhältnis
des Menschen zur physischen Welt gegenständlich, objektiv ist, während ihm die
Geistwelt bisher noch nicht als objektive, sondern als subjektive, innere
Wirklichkeit erscheint.
Wenn wir aber davon ausgehen, dass die
unsichtbare Welt ein gesetzmäßiger Kosmos und der Mensch aufgrund seines eigenen
Wesens dessen Mitglied ist, dann gibt es keinen vernünftigen Grund zu
behaupten, dass der unsichtbare Kosmos unerforschbar sei. Wir können höchstens
zweifeln, ob der Mensch in der Lage ist, ihn zu erforschen; aber haben wir
einen guten Grund auch nur dazu? Was wissen wir schon über die Möglichkeiten
des menschlichen Geistes? Wer wohl von denen, die behaupten, dass der Mensch
das Unsichtbare nicht erforschen kann, hat auch nur versucht, es ernsthaft zu
erforschen?
Und wenn wir schon so viel zugeben, warum
könnten wir auch nicht zugeben, dass es dem Menschen als Geistwesen schon immer
möglich war? Das gesamte religiöse Leben gründet sich ja auf Wehmut und
Sehnsucht: auf die Sehnsucht, in eine gute und rechte Beziehung zu den unsichtbaren
Kräften des Lebens (zu Gott oder Göttern) zu gelangen, welche Sehnsucht – zur
Selbstbewusstheit gelangt – sich als Durst nach Wahrheit und Wissen manifestiert.
Es bedurfte also nur, dass jene allgemein menschliche religiöse Sehnsucht in
einem Individuum zur Selbstbewusstheit erwachte. Er sah dann sofort ein, dass
er nach der Erkenntnis der Wahrheit, dem Wissen über Leben und Tod, dem Wissen
über die Wesen und Lebensbedingungen der unsichtbaren Welt suchte. Und der
Schritt vom Willen zum Handeln, von der Sehnsucht nach Wahrheit zum Suchen der
Wahrheit, war dann nicht lang. „Wer sucht, der findet.“
Jetzt kann man fragen: Woran lag es in den
alten, nicht zivilisierten Zeiten, dass ein menschliches Individuum jenen Durst
nach der Wahrheit stillen konnte? Es gibt ja auch heute nicht viele, die davon
begeistert sind! Wir behaupten auch nicht, dass alle ihre eigene Sehnsucht
verstanden hätten. Sie war damals ein genauso seltenes Phänomen wie heute. Doch
Gründe, warum einige Individuen es verstanden haben, sind zweierlei: Erstens
ist der Mensch, seinem innersten Wesen nach, sich immer gleich gewesen, und die
unsichtbare Welt ebenso; sie hat sich aufgrund der Religionen nicht geändert.
Der Christ als Individuum steht in keiner anderen Verbindung zu Gott und der
Geistwelt als der alte finnische Heide; alle Wandlungen sind nur äußerer Natur
oder betreffen einige Fähigkeiten der menschlichen Seele: die Intelligenz
schärft sich mit der Kultur, die Gefühle werden komplexer usw., aber das Ich
des Menschen bleibt sich immer gleich. Zweitens setzen wir voraus, dass der
Mensch immer Hilfe von höheren Wesen erhalten hat; er ist geführt, geweckt,
belehrt worden. Und so hat es zu allen Zeiten und überall Individuen gegeben,
deren inneres Verhältnis zu Gott und zur Geistwelt sich weit über das
Verhältnis der alltäglichen Menschen entwickelt hat – Individuen, die sozusagen
den esoterischen, schmalen Weg zur Erkenntnis gegangen sind und den
exoterischen, breiten Weg des Glaubens hinter sich gelassen haben.
Solche Menschen sind wahre Wissende und ihre
geistigen Erkenntnisse bilden die innere Seele der exoterischen Religionssysteme.
Ihr Wissen, wenn sie es offenbaren, kleidet sich naturgemäß in die Form der
Mythologie, der Theologie oder der Philosophie, je nach dem, in welcher Zeit,
in welcher Umgebung und zu wem sie sprechen.
Wenn wir von der Kalevala sagen, dass sich
darin die Weisheit unserer Ahnen widerspiegelt, meinen wir, dass innerhalb
deren – wenn auch animistischer – Form Mysterienwissen der alten finnischen
Weisen über Geheimnisse der unsichtbaren Welt verborgen liegt. Ihr Wissen an
sich ist universell und allgemein menschlich, aber es wurde von finnischen
Weisen verschafft und von der finnischen Seele reflektiert; deshalb kann man es
als finnische Weisheit bezeichnen.
Die Kalevala, womit wir im weiteren Sinne alle
mythologische Poesie der alten Finnen meinen, ist somit ein wahres historisches
Denkmal dafür, dass unsere Ahnen an den ewigen Mysterien des Lebens
teilgenommen haben.
5. MENSCHEN ODER GÖTTER?
Die Helden der Kalevala wurden von den Forschern
manchmal für Götter, manchmal für Menschen gehalten. Im Vorwort der 1551
veröffentlichten finnischen Übersetzung der Psalmen nennt Mikael Agricola[16]
„Götzen des Volkes von Häme und Karelien“, darunter Ahti, Äinemöinen
(Väinämöinen), Ilmarinen und die Söhne des Kaleva. Sein Standpunkt blieb bis
zum Beginn des 18. Jahrhunderts widerspruchslos gültig. Erst dann begann man zu
vermuten, dass Ilmarinen, Väinämöinen usw. vielleicht doch Menschen gewesen
waren. Auch Lönnrot, ebenso wie Gottlund[17],
waren bereits der festen Meinung, dass Väinämöinen eine historische Person,
kein sagenumwobener Gott war. Nach der Veröffentlichung der Kalevala teilten
sich die Wissenschaftler in zwei Fronten, von denen die einen, wie Collan[18]
und Castrén,[19]
später Donner[20] und
E. Aspelin,[21] für
die Gottheit der Helden der Kalevala waren, während die anderen, wie z.B.
Ahlqvist[22],
nach ihrem menschlichen Ursprung suchten. Heute herrscht die allgemeine
Meinung, dass die in der Kalevala genannten Weisen, Väinämöinen, Ilmarinen,
Lemminkäinen usw., historische Personen waren, obwohl die Legende mancherlei
Elemente aus Göttersagen um sie gewoben hat.[23]
Unser eigener Standpunkt steht in keinem
Widerspruch zu diesen wissenschaftlichen Meinungen. Wir freuen uns über jeden
Sieg der Wissenschaft. Wir sind überzeugt, dass die Helden der Kalevala
historische Personen waren; wir glauben sogar, dass die Namen generisch, d.h. eine Art Familiennamen
sind, wie Hermes (Thot) in Ägypten und Zarathustra in Persien, dass also
Menschen namens Väinämöinen, Ilmarinen usw. in verschiedenen Zeiten gelebt
haben. Wir sind jedoch zugleich davon überzeugt, dass die Namen ursprünglich
keine „Götzen“, wie Agricola sagt, also keine Götterwesen, sondern göttliche
Kräfte, schaffende Hierarchien, d.h. „himmlische Heerscharen“ dargestellt
haben. Eine solche Verwechslung der Namen und der Begriffe kommt in der
Geschichte der geistigen Bewegungen häufig vor.
Es ist ja eine wissenschaftlich bewiesene
Tatsache ‒ z.B. was die isländische Edda-Saga betrifft ‒ dass gewisse
mythologische Namen ursprünglich Namen historischer Personen waren, wie z.B. Brage, der Gott der Poesie, der Name
eines bekannten isländischen Poeten war. Andererseits sind aus z.B. dem allgemeinen
jüdischen Namen Messias und dem
griechischen Verbal-Adjektiv Christos
(der Gesalbte), wie auch aus dem Heiland, Bezeichnungen einer bestimmten Person
geworden, so dass die Christen, wenn sie von Messias, Christus oder dem Heiland
sprechen, damit ausschließlich Jesus von Nazareth meinen.
Wir behaupten also, was die Namen der Kalevala
betrifft, dass z.B. Väinämöinen eine bestimmte göttliche Hierarchie bezeichnet,
selbst wenn es zugleich historische Personen namens Väinämöinen gegeben hat. Welche
von den beiden Namensgebungen ursprünglicher ist, spielt dabei keine Rolle.
Vermutlich hat Väinämöinen, wie z.B. auch Christus, eine bestimmte göttliche
Kraft dargestellt und wurde deshalb als Name für Personen gewidmet, in denen
sich diese Kraft in besonderem Maße geäußert hat. Es ist auch möglich – das sei
als Trost denen gesagt, die diese Theorie für eine Phantasterei halten, obwohl
wir sie für richtig halten – dass Väinämöinen zuerst ein Personenname gewesen sei
und mit diesem Namen später eine solche göttliche Eigenschaft oder Funktion
dargestellt wurde, von der der ursprüngliche Namensträger das typische Beispiel
war.[24]
Wenn wir den geistigen Hintergrund der
Kalevala, also die in den Runen verborgenen Mysterienbilder kennenlernen möchten,
müssen wir vor allem herausfinden, welche göttlichen Kräfte die Haupthelden und
die Eigenschaftsnamen vertreten. Das Weltbild der Kalevala wird nicht mit
klaren Worten der Philosophie dargestellt, sondern ist in poetische und
konkrete Formen der bildlichen Sprache gekleidet. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit
dabei nicht auf die realistischen kleinen Details richten, sondern eher große
Umrisse und weite Perspektiven suchen. Wir sollten die roten Fäden finden, die
durch die zahlreichen Runen laufen.
Unsere erste natürliche Frage lautet: Spricht
uns die Kalevala von Gott, und was spricht sie von Gott? Christlich gesinnte Leser
würden sofort antworten, dass die Kalevala natürlich nicht von Gott spricht,
denn die alten finnischen Heiden wussten nichts von dem einen einzigen monotheistischen
Gott. Oberflächlich betrachtet mag es auch so aussehen. Im christlichen Sinne
spricht die Kalevala nicht von Gott. Aber ist es dennoch sicher, dass die
Kalevala nichts von Gott weiß?
Lasst uns ein wenig nachdenken. Lasst uns den
überheblichen und mit vielen Worten definierten „Glauben“ vergessen und lasst
uns fragen: Was wissen wir denn von Gott? Was wissen wir von dem Ursprung allen
Lebens und Seins? Was wissen wir von dem Vater und Schöpfer, der die Welten in
sein Schoss aufnimmt? Unser Glaube kann flüstern: „Er ist die Liebe“. Aber unser
Verstand muss zugeben, dass wir von ihm nichts anderes wissen, als was er von
sich selbst in der Welt offenbart hat. Wir sehen ihn in seinen Werken. In ganz
Sibirien herrschte früher der Glaube, dass es dem Menschen unmöglich war, sich
dem höchsten Gott mit Gebeten zu nähern.[25]
Es ist keinem Philosophen gelungen, ihn zufriedenstellend zu beschreiben, denn
er steht über allen Bildern. Die alten indischen Vedantisten, die die Spitze
des philosophischen Denkens erreichten, sagten, dass man den absoluten
Parabrahman in keiner Weise definieren konnte; das einzige, was man von der
Gottheit sagen konnte, war neti, neti, „es ist weder so, noch so“. Nur
den offenbarten Schöpfer, den Brahman, konnte der Mensch einigermaßen
verstehen, beschreiben und anbeten.
Vertritt vielleicht auch die Kalevala
denselben Standpunkt; offenbart sich vielleicht auch ihre Weisheit ausgerechnet
in ihrem Schweigen? Auch sie spricht nicht von Gott an sich, weil unser Verstand
von Gott nichts sagen kann; weil Gott das Leben ist, das man nur kennenlernen
kann, indem man lebt; auch die Kalevala beschreibt nur Offenbarungen Gottes in
der Welt, d.h. in der unsichtbaren Welt, wie es dem geistigen Wissen gebührt.
Die Kalevala spricht von Gott nicht mit Worten, weil sie selbst eine
Manifestation des göttlichen Mysterienwissens ist.
Was bedeutet das Wort Kalevala?
Als Substantiv bedeutet es natürlich „Land,
Heimat des Kaleva“, aber wenn es auch ursprünglich ein Adjektiv gewesen ist,
wie z.B. ‒ nach der Meinung der späteren Forscher ‒ „Gott“, so kann es die
Bedeutung „mit Eigenschaften des Kaleva versehen“ gehabt haben (vgl. vetelä [Wässrig],
eine Ableitung von vesi [Wasser]). Und was bedeutet das Wort Kaleva? Lönnrot
vermutete, dass Kaleva „etwas Furchtbares, etwas Mörderisches“ bedeute „und zur
gleichen Wortfamilie wie die Wörter kalpa (Schwert), kalma (Tod) Kallo
(Schädel), kalu (Gerät), kuolen (ich sterbe)“[26]
gehöre. Später meinte er, dass es aus dem russischen Wort golova (Kopf) käme. Castrén wiederum verglich es mit dem türkischen
Wort alep (Held). Heute verbinden es
die Linguisten, wie auch Ahlqvist, mit dem lettischen Wort kálvis (Schmied). Das estnische Wort kalev bedeutet Herrenanzug.[27]
Nach dieser letzteren Erklärung würde das Wort Kaleva wie der Schmied und der Herr
klingen. Indem wir daran fest halten, stellen wir die Frage: Was schmiedet
Kaleva ‒ als Mysterienname verstanden ‒ und wessen Herr ist er? Und wir antworten
darauf: Zweifellos schmiedet er die Welt und ist Herr über die Welt. Den Herren
und Schöpfer der Welt (den Schmied) nannte man Kaleva.[28]
Man sprach ja vom „Feuer des Kaleva“ (Blitz), wie man heute vom Feuer des
Herren spricht, und so gesehen verstehen wir auch die Erklärung Lönnrots. „Der
Baum des Kaleva“ war der heilige Baum. Das Wollgras wird „das Haar des
Kaleva-Sohnes“ genannt, und das wird mit dem alten Recht der freien Familien,
sich das Haar wachsen zu lassen, erklärt. Warum könnte es auch nicht darauf
hinweisen, dass die alten eingeweihten Propheten, „die Söhne Gottes“ (z.B. die
jüdischen Nazire), sich das Haar frei wachsen ließen?
Als Adjektiv würde kalevala in diesem Fall
„mit den Eigenschaften des Herren (Gottes) versehen“ oder einfach „göttlich“
bedeuten, und als Substantiv „Land, Heimat des Schöpfers oder des Herren“,
womit die höchsten Sphären des Lebens, die oberen Regionen der unsichtbaren
Welt, gemeint wären. Vom altfinnischen Geist inspiriert wählte Lönnrot also für
sein Buch den Namen, der ‒ an Dantes Divina Commedia erinnernd ‒ für den, der
an die Kalevala als eine heilige Schrift herantritt, voller Versprechungen ist.
Denn auch ihrem Namen nach spricht die
Kalevala von göttlichen Mysterien.
6. DIE HEILIGE DREIHEIT
„Ich glaube an den dreifaltigen Gott, den
Vater, den Sohn und den Heiligen Geist“, sagt der Christ und meint, dass dieses
Glaubensbekenntnis einzigartig, sehr geistreich und tiefsinnig ist. Er ist
überrascht, wenn er die Erklärung der vergleichenden Religionswissenschaft
hört, nämlich dass die Dreiheitslehre keine einzig und allein christliche Lehre
ist, sondern auch in zahlreichen „heidnischen“ Religionen anzutreffen ist.
In der frühindischen vedischen Religion gab es
die Götterdreiheit Indra‑Varuna‑Agni. Indra war der Gott des Himmels, Varuna der Gott des Wassers und Agni
der Gott des Feuers. Eine andere
Dreiheit jener Zeit war Vayu (Luft), Agni (Feuer) und Surya (Sonne). Später,
nachdem die die Begriffe durch philosophisches Denken exakter definiert wurden,
nannte man die Dreiheit Trimurti, die
„Dreigestalt“, und die göttlichen Personen der Dreifaltigkeit Brahma, Vishnu
und Shiva (Schöpfer, Bewahrer und Zerstörer). „Lerne, du Gerechter, dass es
zwischen uns in Wirklichkeit keinen Unterschied gibt; was dir so erscheint, ist
nur äußerer Schein. Das einzig Seiende erscheint in drei Gestalten, ist aber
nur eins“, sagte man im alten Indien.
Eine bekannte ägyptische Dreiheit war
Osiris-Isis-Horus, aber im alten Ägypten gab es ‒ je nach Zeit und Ort ‒ auch
andere Dreiheiten. In Theben wurde die Dreiheit Amon, Mut und Chonsu angebetet.
Die eigentliche ägyptische Dreiheit war Osiris, Kneph und Ptah. Ptah wurde
insbesondere in Memphis angebetet und bildete dort mit Nefertem und Sechmet die
heilige Dreiheit.
Im alten Babylonien hieβ die bedeutendste
göttliche Dreiheit Anu, Bel und Ea; eine andere war Šamaš, Sin und Ištar
(Sonne, Mond und Abendstern). Im alten China opferten die Herrscher jedes
dritte Jahr „dem, der eins und drei ist“. Und ein Spruch lautete: „Fo ist eine
Person, besitzt aber drei Gestalten.“ Im alten Skandinavien gab es die Götterdreiheit
Odin, Thor und Freya, und auch Odin, Freya und deren Sohn Balder. Jüdische
Kabbalisten sprachen von den drei höchsten Sefiroths. Sie hieβen Kether
(Krone), Chochmah (Weisheit) und Binah (Verstand) und waren alle aus En Sof
geboren und darin eins.
Diese Beispiele, von denen noch weitere
aufgezählt werden könnten, werden wohl ausreichen, um zu beweisen, dass die
Dreiheitslehre nicht christlichen Ursprungs ist. Aus dieser Tatsache können wir
schließen, dass, wenn die heidnischen Lehren Aberglaube sind, das Gleiche auch
für das Christentum gilt. Wenn aber die Dreiheitslehre selbst wahr ist, wenn
sie also mit der Wirklichkeit der Natur und des Lebens übereinstimmt, dann
stammen die heidnischen Lehren aus derselben Erkenntnis und Weisheit wie die christlichen.
Wir müssen wohl kaum sagen, dass unser Standpunkt zur letzteren Annahme neigt.
Eine Bedeutung der Dreiheitslehre wird jedem
ohne Weiteres einleuchten. Auch die Vorstellungskraft des einfachen Volkes
reicht aus, um die Dreiheit zu verstehen, die, wie die Ägypter sagten, mit
„Vater, Mutter und Sohn“ ausgedrückt wurde. Beim Nachdenken über den Ursprung
der Welt erhielt das Volk eine zufriedenstellende Antwort aus der Lehre, dass
die Welt der Sohn war, der aus dem göttlichen Vater und der göttlichen Mutter
geboren war. Und auch ein tiefer denkender Mensch musste nur die Wörter „Vater“
und „Mutter“ philosophisch begreifen, um ebenfalls eine vollkommen richtige
Erklärung über die Entstehung der Welt zu bekommen. Wenn er anstatt des
„Vaters“ an das Bewusstsein und anstatt der „Mutter“ an die Materie dachte, so
war der „Sohn“, d.h. die Welt, tatsächlich das Ergebnis der gemeinsamen Tätigkeit
dieser zwei Urquellen. Das Bewusstsein an sich ist wie das Prinzip der
Unendlichkeit und der Ewigkeit und die Materie wie die Möglichkeit der Begrenzung.
Doch die Welt ist wie das in vergänglichen Formen gefesselte ewige und
grenzenlose Leben. Die Philosophie kann wohl den Ursprung des geoffenbarten
Daseins kaum vernünftiger erklären.
Die Dreiheitslehre hat jedoch eine andere,
vernünftigere und geheimwissenschaftlichere Bedeutung. Damit wurde uns nämlich
ein Stück göttlicher Psychologie gegeben, und in deren Licht wird die
Bezeichnung Dreiheit verständlich. Die Dreiheit stellt somit ein einziges
göttliches Gruppenbewusstsein dar, ein „Wesen“ in seinen drei verschiedenen
Funktionen oder „Personen“, wie die christliche Theologie sagt.
Beim Erforschen der inneren Welten trifft der
Wissende nämlich endlich auf ein Wesen, das als Vater und Schöpfer das gesamte
Sonnensystem in seinen Schoss aufnimmt. Diese mächtige Person ist nicht der
Anfang und der Ursprung des gesamten Universums und des Seins; er ist der
geoffenbarte Gott, der mächtigste Herrscher unseres Sonnensystems, aber nur
einer der unzähligen Götter, die das Universum bevölkern; die höchsten Wesen
der anderen Sonnensysteme sind seine Brüder. Hinter ihm und den Seinesgleichen
steht der ewige Vater des Universums, die geheime Gottheit, von der man, wie
gesagt, nichts wissen kann. Am Anfang des Johannes Evangeliums wird diese
Verbindung schön und mit einfachen Worten geschildert; Das Wort Logos als die
Bezeichnung der geoffenbarten Sonnengötter wurde daraus in die theosophische
Literatur übernommen. „Im Anfang war das Wort (Logos, Vernunft), und das Wort
war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle
Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was
gemacht ist.” Gott ist hier das unendliche, geheime Leben, das die
Möglichkeiten des Bewusstseins und der Materie in sich verbirgt. Der Logos ist
die geoffenbarte, sozusagen individuelle Vernunft, das Bewusstsein, das mit
Hilfe der im Gott verborgenen Möglichkeit der Materie, der Begrenzung, die Welt
erschafft.
Dieser Logos, der geoffenbarte Gott, ist
dreifaltig, und die Dreifaltigkeit ist vor allem eine psychologische Tatsache.
Die Weisen waren sich schon immer einig, dass der Mensch ein Mikrokosmos, die
Welt in Kleinformat, „zum Bild Gottes geschaffen“, ist. Deshalb kann der
Mensch, indem er seinen eigenen Geist erforscht, auch ‒ wie Paulus sagt ‒ die
Tiefen Gottes erforschen und verstehen.
Jeder Mensch ist in seinem Seelenleben ein
dreifaltiges Wesen. Die europäische Seelenkunde beschreibt das Gleiche, indem
sie sagt, dass das menschliche Bewusstsein aus drei Faktoren, nämlich aus Erkenntnis,
Wille und Gefühl, besteht. Die spätere Psychologie hat allerdings teils mehrere
Aspekte gefunden, teils den Willen für nichtig erklärt. Dadurch wird jedoch die
alte Einteilung keineswegs aufgehoben, denn es scheint, dass es sich mehr um
Bezeichnungen als um Tatsachen handelt.[29]
Dass die Einteilung als solche keine begriffliche, sondern eine realistische
Tatsache ist, erkennt man z.B. an den inneren Konflikten, bei denen das
Ichbewusstsein sich so spaltet, dass der Mensch nicht weiß, „was er will“ oder
„was er wählen sollte“. Er kann sich jedoch ein solches Seelenleben als ein
Ideal vorstellen, in dem die Erkenntnis, d.h. die Vernunft, der Gedanke, immer
Hand in Hand mit dem Gefühl ginge und der Wille, d.h. die Handlung, immer im
Einklang mit dem Denken und dem Gefühl wäre und wo alle drei gemeinsam dem
höchsten göttlichen Ziel dienen würden.
Um auf unsere unvollkommene Weise die
Psychologie des geoffenbarten Gottes, des Logos, zu verstehen, müssen wir uns
ein solches vollkommen harmonisches Seelenleben vorstellen. Auch Gott ist ein
wollendes, fühlendes und wissendes Wesen, und in ihm haben sich diese
Eigenschaften, diese Wesensteile zum höchsten Grad entwickelt. Der Wille Gottes
ist wie eine besondere Person, und so ist auch das Gefühl und die Vernunft
Gottes; wir können sogar von einem kollektiven Bewusstsein sprechen und sagen,
dass der Logos eine Ansammlung großer himmlischer Hierarchien, die Summe
zahlreicher Einzelbewusstseine ist; gleichzeitig müssen wir aber bedenken, dass
alle Personen und Hierarchien im Grunde ein einziges selbstbewusstes, edles,
mächtiges Bewusstsein bilden.
Den Logos als Wille, als erschaffender Wille,
nennt die christliche Theologie den „Vater“; den Logos als Gefühl, als
liebendes Gefühl, nennt sie den „Sohn“ und den Logos als Erkenntnis, als
tätiger Gedanke, als organisierende Vernunft den „Heiligen Geist“.[30] (In
der hinduistischen Kosmogonie entspricht z.B. Brahma den Heiligen Geist, Vishnu
den Sohn und Shiva den Vater, denn der Neues erschaffende Wille ist zugleich
der Zerstörer des Alten.)
Welchen Standpunkt in dieser Frage vertrat nun
die Weisheit der alten Finnen? Kannten sie den Logos und seine Dreifaltigkeit?
Was lehrt uns die Kalevala in dieser Hinsicht?
Die Dreiheit des Logos äußert sich in seiner
Tätigkeit. Lasst uns also sehen, was die Kalevala über die Erschaffung der Welt
und deren Vervollkommnung, oder ‒ wie die christliche Theologie sagt ‒ über das
„Erlösungswerk Gottes“ lehrt.
7. „GEBOREN VON DER JUNGFRAU“
Wenn wir zuerst die göttliche Dreiheit ‒ das Bewusstsein,
die Materie und die aus diesen beiden geborene Form, die Welt ‒ betrachten,
sehen wir, dass diese drei Faktoren in der Schöpfungsgeschichte der Kalevala
ihren Platz finden. Die Schöpfungsgeschichte ist somit eine Erzählung über die
Geburt des Väinämöinen, wie R. Engelberg[31]
ganz richtig bemerkt,[32] allerdings
in einer anderen Bedeutung, und wir müssen dieses bemerkenswerte Ereignis nur
im Auge behalten, denn Väinämöinen vertritt hier das geoffenbarte Leben, die
Welt.
In beiden Kalevala-Ausgaben wird die Mutter
des Väinämöinen genannt; in der alten nur nebenbei, in der neuen ausführlich,
doch in der alten wird nichts über den Vater des Väinämöinen erzählt, der nach
der neuen Kalevala der Wind ist. Hier haben wir nun die ursprüngliche Dreiheit:
den Wind als Vater, Ilmatar (Lüftetochter) als Mutter und Väinämöinen als Sohn.
Der Wind steht für das Bewusstsein, den Geist, Ilmatar, „Veen emonen“
(Wassermutter)[33] für die Materie und Väinämöinen, wie gesagt, für die Welt, und die
ganze Beschreibung erinnert uns an die jehovistische Kosmogonie am Anfang des
Buches Genesis: „Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“
Tuli suuri tuulen puuska,
Iästä vihainen ilma,
Meren kuohuille kohotti,
Lainehille laikahutti.
Tuuli neittä tuuitteli,
Aalto impeä ajeli
Ympäri selän sinisen,
Lakkipäien lainehien;
Tuuli tuuli kohtuiseksi,
Meri paksuksi panevi.
Fing ein Sturmwind an zu blasen,
Aus dem Osten wildes Wetter,
Treibt das Meer zu wildem Schäumen,
Daß die Wellen wüthend wogen.
Sturmwind wiegte dort die Jungfrau,
Mit ihr spielt des Meeres Welle
Auf dem blauen Wasserrücken,
Auf den weißbekränzten Fluthen;
Schwanger blies der Wind die Jungfrau
Und das Meer verlieh ihr Fülle. [1. Rune]
Wenn dann die Mutter des Väinämöinen sich bei
ihren Geburtswehen an Ukko, den Obergott, wendet und um Hilfe bittet, ist das
wie ein Hinweis darauf, dass hinter allen Schöpfungskräften und allen bewussten
Wesen die geheime Gottheit steht, von der in der Kalevala nichts Weiteres
gesagt wird.
Prof. Krohn mit seiner Schule[34] erklärt allerdings die gesamte Schöpfungsrune und die Geburt des
Väinämöinen für nichtig und findet deren ursprüngliche Elemente in
Krankheitsentstehungsrunen, in Schaukelliedern und wer weiß wo noch.[35] Das
mag förmlich richtig sein ‒ ich kann es nicht beurteilen ‒ betrifft aber nicht
den Geist der Rune. Im Geist der Rune ist das ursprüngliche Mysterienbild so
klar zu erkennen, dass es sich hier um keinen Zufall handeln kann. Und diese
ganze Beschreibung enthält einen Zug, der deutlich beweist, dass der Geist der
Rune aus den mystischen Welten der Erkenntnis stammt.
Wenn wir über diese Dreiheit, die sich in den
Weltschöpfungsgeschichten äußert, genauer nachdenken, bemerken wir, dass die Interpretation,
dass der „Sohn“ die Welt sei, zu unbestimmt und zu oberflächlich ist. Aus der
Vereinigung des Bewusstseins und der Materie entsteht nicht ohne Weiteres die
Welt. Die Unendlichkeit des Geistes und die Möglichkeit der materiellen
Begrenzung vereinigen sich in dem sozusagen individuellen Bewusstsein, das der Schöpfer
oder der Logos nenannt wird. Die ursprüngliche Dreiheit ist so gesehen nicht Bewusstsein,
Materie und Welt, sondern Bewusstsein, Materie und der geoffenbarte Schöpfer,
der wiederum der Anfang und der Ursprung der Welt ist.
Der „Sohn“ wird deshalb ganz richtig als eine
lebende Person, Väinämöinen, dargestellt, der dann die Welt erschafft. Väinämöinen
ist der „Groβe Mensch“, Adam Kadmon, Makroprosopos (das „große Gesicht“), zu dessen
„Bild“ der Mensch erschaffen wurde; er ist der Weltgeist, der Logos, aus dessen
Meditation und Gesang der geoffenbarte Kosmos entstanden ist. Die neue Kalevala[36] lässt Väinämöinen erst nach der Erschaffung der Welt aus dem Bauch seiner
Mutter hervortreten; die alte Kalevala hingegen, nach der Väinämöinen zuerst
geboren wird und sich dann an der Erschaffung der Welt beteiligt, entspricht
aus dieser Sicht gesehen eher dem ursprünglichen Mysterienbild.[37]
Das beweiskräftigste Element in dieser
Beschreibung ist die Jungfräulichkeit der Mutter des Väinämöinen und seine de facto Vaterlosigkeit. Die Mutter wird
nämlich als ein lebendiges, persönliches Wesen dargestellt; der „Wind“, wie
auch der „Heilige Geist“ machen hingegen einen völlig abstrakten Eindruck.
Mächtig sind die Anfangsworte der Kalevala:
Yksin meillä yöt tulevat,
Yksin päivät valkeavat,
Yksin syntyi Väinämöinen,
Ilmestyi ikirunoja
kapehesta kantajasta,
Ilmattaresta emosta.
Einzeln nahen uns die Nächte,
Einzeln leuchten uns die Tage,
Einzeln ward auch Wäinämöinen,
Dieser ew’ge Zaubersprecher,
Von der schönen Lüftetochter,
Die ihm Mutter war, geboren. [1. Rune]
Prof. Krohn behauptet, dass die zwei ersten
Verse von woanders übernommen wurden und der dritte von Lönnrot hinzugefügt
wurde.[38] Es sei dem so. Lönnrot hat in diesem Fall wie ein echter Runensänger,
wie ein alter Weiser verfahren. Seine Inspiration ‒ weil wir wohl kaum von
seinem Wissen reden können ‒ war richtig. Mit jenen Versen beschrieb er die
Geburt des „einzigen, d.h. des einzig geborenen (monogenes) Sohnes Gottes“.
Darin erkennt man deutlich das alte Mysterienlied über die Geburt des Logos,
die „allein“ geschieht, sowohl in dem Sinne, dass er im Anfang der Zeit die
erste und die einzige Manifestation ist, als auch in dem Sinne, dass er in
übernatürlicher Weise allein aus der Mutter geboren wurde.
Die Behauptung der Schule Krohn, nach der die
Erzählung der Kalevala über die jungfräuliche Geburt des Väinämöinen vom
Christentum entlehnt sei, ist weit hergeholt und überflüssig, denn in alten
Religionen treffen wir immer auf diese aus den Mysterien entnommene Auffassung
über die jungfräuliche Geburt.
In Ägypten war Osiris von der himmlischen
Mutter, der Jungfrau Neith, geboren und Horus war der Sohn der Jungfrau Isis.
In Babylon war Tammuz, der Sommergott von Eridu, der „einzige Sohn“ der Göttin
Ea; die Göttin Ea hat auch die Paralellnamen Ištar, Astarte und Mylitta. In
Persien war Zarathustra vom Strahl der göttlichen Vernunft gezeugt, und seine
Mutter war Jungfrau. Im alten Mexiko war Quetzalcoatl ebenfalls von der
Jungfrau Chimalma geboren, und In Yucatan war Bacab, der als Heiland angebetet
wurde, von der Jungfrau Chiribirias geboren. Das Gleiche gilt für den
aztekischen Sonnengott Huitzilopochtl. In Indien war Devaki, die Mutter Krishnas,
Jungfrau; Maya, die Mutter des Gautama Buddha, ebenfalls, wie auch Jesus Christus
von der Jungfrau Maria geboren war. Diese Geschichten sind, wenn es sich um
historische Personen handelt, natürlich nur Legenden und entsprechen nicht der
Wahrheit; wenn aber die Personennamen symbolisch verstanden werden, als Vertreter
der göttlichen Kräfte, dann ist die jungfräuliche Geburt eine treffende und
poetische Darstellung der mächtigen Tatsache der Geistwelt. In der christlichen
Theologie ist ja auch Christus das gleiche wie der Logos oder das Wort, durch
das die Welt erschaffen wurde. Auch in Indien wird Krischna für Avatara, die
Verkörperung der zweiten göttlichen Person Vishnu, gehalten; er wird Hari,
Retter (aus Sünden), genannt. Seine Mutter Devaki spricht ihn mit den Worten
„Du Gott der Götter, der du alles in allem bist“ an. In Ägypten wurden Osiris
und Horus der „König der Könige“ und der „Herr der Herren“ genannt; Osiris hieß
auch der „Herr des ganzen Landes“. Als historische Person wurde Väinämöinen
natürlich wie alle Menschen geboren, doch Väinämöinen als Gott und
Sonnenlogos war der Sohn der schönen Lüftetochter.
8. DIE SCHÖPFUNGSARBEIT
Wissenschaftler behaupten oft, dass die
Erklärung der Weltentstehung, bevor Kant das Thema auf naturwissenschaftlicher
Basis zu ergründen anfing, lediglich auf philosophischen Spekulationen oder
Vermutungen beruhte. Nachdem aber der französische Astronom Laplace Anfang des
neunzehnten Jahrhunderts die Beobachtungen und Schlussfolgerungen des deutschen
Philosophen ergänzt und weiterentwickelt hatte, war auch die Kosmogonie zum
wissenschaftlichen Forschungsobjekt geworden und hatte ihren Platz unter den
Wissenschaften als einen Zweig der Astronomie eingenommen.
Die Kant-Laplace-Theorie erklärt, wie wir
wissen, dass die Sonnensysteme ihren Anfang in der Nebulosa, dem Sternennebel,
haben, in denen eine Kreisbewegung um das dichtere Zentrum herum entsteht. Die
Sonne ist ursprünglich eine gigantische, sich um ihre Achse drehende Gaskugel,
von deren Oberfläche sich kleinere, sich in die entgegengesetzte Richtung drehende
kleinere Kugeln ablösen. Diese Kugeln bilden sich zu Planeten, die sich um die
Zentralsonne drehen.
Diese während des gesamten vergangenen
Jahrhunderts geltende Hypothese, gegen die H. P. Blavatsky in ihrer Geheimlehre vergebens ernsthafte
Bemerkungen machte, gilt heute nicht mehr als wissenschaftlich vollkommen
richtig. Man hat Beobachtungen gemacht, die einige Punkte der
Kant-Laplace-Theorie umwerfen, und man hat neue kosmogonische Erklärungsversuche
präsentiert, jedoch ohne dass irgendeine Theorie bis jetzt allgemeine
Anerkennung gefunden hätte. Die überheblichen Worte von Laplace an Napoleon,
der, nachdem er die Welterklärung des Astronomen gehört hatte, fragte, wo denn
Gott seinen Platz finde, „wir brauchen diese Hypothese nicht“, sind in
Nichtigkeit versunken. Die Wissenschaftler haben das Welträtsel mit einer rein
mechanisch-materialistischen Erklärung nicht lösen können. Gott, der Weltgeist,
der Wille, der erste Beweger, ist dennoch notwendig. Die alten Weisen, die das
Weltall mit Göttern und lebenden Wesenheiten bevölkerten, liegen der Wahrheit
näher als die gelehrten aber geistig blinden Materialisten.
Wir haben keinen Grund, die alten religiösen
Weltentstehungslehren der Völker für Kindermärchen zu halten. Deren Form mag
uns kindhaft und „unwissenschaftlich“ vorkommen, aber wenn wir das hinter der
Form versteckte Mysterienbild erblicken, sehen wir, wie übereinstimmend sie
sind, und verstehen, dass sie uns Dinge über die Entstehung der Welten
enthüllen, die für die Wissenschaft mit ihren heutigen Methoden unerreichbar
sind. Die alten Kosmogonien, anstatt die scheinbar mechanischen Prozesse zu
schildern, in denen das Sonnensystem physisch entsteht, enthüllen uns Dinge der
unsichtbaren Welt, die diese physische Entstehung hervorrufen. Mit anderen
Worten: Sie beschreiben den Anfang und die Entwicklung der Welt vom Standpunkt
Gottes, nicht des Menschen aus gesehen. Und wer sonst als ein vom heiligen
Geist der Wahrheit erfüllter Weiser würde es wagen, die Tiefen Gottes zu
erforschen? Die Entstehung der Welt hat man immer die „Erschaffung der Welt“
genannt. Die Erschaffung ist aktive Tätigkeit und setzt immer einen Akteur,
einen Schöpfer, voraus. Der ganze Prozess ist Arbeit eines lebendigen Schöpfers.
Diese Arbeit ist jedoch keine unverständliche
oder sinnlose Verzauberung aus dem Nichts. Aus dem Nichts entsteht nichts.
Alles Seiende ist gewesen und wird sein. Die Materie als ursprünglich Seiendes
ist ebenso ewig wie der Geist oder das Bewusstsein, und beide sind in der nicht
geoffenbarten absoluten Gottheit in ihrem Wesen eins. Die Schöpfung ist Arbeit
göttlicher, intelligenter Wesen zur Verwirklichung ihrer Ideen und Inspirationen
mit Hilfe der Naturkräfte, die wir mit dem Sammelbegriff Materie oder Stoff
bezeichnen. Die Schöpfung ist künstlerische Tätigkeit. Lasst uns jetzt
betrachten, wie die finnischen Weisen die Schöpfungsarbeit geschildert haben;
zugleich sehen wir dann, wie sich die göttliche Dreiheit in der Dreiheit des
Schöpfers, des Logos, d.h. in den drei Stufen seiner künstlerischen
Schöpfungsarbeit manifestiert.
Wir befolgen den Text der neuen Kalevala und
sehen sofort, dass die Schöpfung sich in drei Stufen vollzieht: 1) die Konzeption,
2) die Schwangerschaft und 3) die eigentliche Schöpfungsarbeit. Weil die
gesamte Schöpfung Arbeit des Logos, des Väinämöinen, ist, müssen wir
beachten, dass die anderen Wesen, die hier vorkommen, nur Parallelnamen des
Väinämöinen sind, die verschiedene Aspekte seines Wesens zum Ausdruck bringen.
Anstatt Lüftetochter können wir also von Väinämöinen sprechen (vgl. Veen emonen
[Wassermutter] > Väinämöinen).
„Einzeln ward auch Wäinämöinen… Von der
schönen Lüftetochter, die ihm Mutter war, geboren“, erzählt die Kalevala, und
diese Worte enthüllen uns bereits eine ganze Welt des geheimen Wissens. In der
alten Kalevala heißt es noch, dass Väinämöinen in der Nacht geboren wurde und
am Tag in die Schmiede ging. Väinämöinen, der Logos, war also bereits bei
seiner Geburt alt, weise, Kenner des ewigen, geheimen Wissens
(„Zaubersprecher“). Mit diesen Worten wurde kurz zum Ausdruck gebracht, dass
der Schöpfer früher gelebt hatte. Vielleicht hatte er sich in der fernen
Vergangenheit entwickelt und weise geworden ‒ in der Vergangenheit vor dem
Zustand des Nichtstuns, in dem er jetzt seine Zeit verbrachte. Das geht aus den Anfangsworten hervor:
Piti viikoista pyhyyttä,
Iän kaiken impeyttä,
Ilman pitkillä pihoilla,
Tasaisilla tanterilla.
Trug gar lang’ ihr einsam Dasein,
Alle Zeit ihr Mädchenleben
In der Lüfte langen Räumen,
Auf den flachgebahnten Fluren. [1. Rune]
Der Schöpfer, Väinämöinen, hatte, nach der
Beendigung einer früheren Arbeit, in der nicht geoffenbarten Welt des reinen
Bewusstseins geruht. In diesem Zustand wurde ihm das Leben allmählich
langweilig.
Ikävystyi aikojansa,
Ouostui elämätänsä,
Aina yksin ollessansa,
Impenä eläessänsä,
Ilman pitkillä pihoilla,
Avaroilla autioilla.
Einsam ward ihr dort das Leben
Und das Sein gar unbehaglich,
Immerfort allein zu weilen,
So als Jungfrau dort zu wohnen
In der Lüfte langen Räumen,
In der weitgestreckten Öde. [1. Rune]
Der Schöpfungswille erwachte in ihm wieder. Im
Herzen des Schöpfers erwachte die Idee zur Schöpfung einer neuen Welt; es
geschah eine künstlerische Konzeption des Schöpfers; der sog. „erste Logos“,
der Weltwille, wurde geboren.
Jop’ on astuiksen alemma,
Laskeusi lainehille,
Meren selvälle selälle,
Ulapallen aukealle.
Nieder ließ sich da die Jungfrau,
Senkt sich auf des Wassers Wogen,
Auf des Meeres klaren Rücken,
Auf die weitgedehnte Öde. [1. Rune]
Nachdem das Bild der zukünftigen Welt im
Augenblick der ersten Inspiration in den Augen der göttlichen Vorstellung erst
einmal erschienen ist, vollzieht sich aus der Welt des reinen Bewusstseins der „Abstieg
in die Materie“. Der Logos umgibt sich mit dem im Absoluten ruhenden Urchaos, das die Kosmo-
gonien oft das „Meer“ nennen.[39] Die in
der Welt des Bewusstseins entfachte Idee und die vom Logos gesammelten Bestandteile,
die dieser Idee eine Form geben müssen, versetzen den Logos in den Zustand der
Schwangerschaft. Er ist jetzt zweifach, spürt Schmerzen in seinem Inneren und
versucht, für seine Schöpfungsidee mit Mühe und Not eine Form zu finden. Die inspirierende
Idee hat in ihm die Liebe erweckt. Vom Vater, dem Willen, ist die Mutter, das
Gefühl, geboren, und die Mutter liegt nun ihrerseits in Geburtswehen.
Vieri impi Väinämöinen,
Uipi iät, uipi lännet,
Uipi luotehet, etelät,
Uipi kaikki ilman rannat,
Tuskissa tulisen synnyn,
Vatsan vaivoissa kovissa;
Eikä synny syntyminen,
Luovu luomatoin sikiö.
Also schwamm als Wassermutter
Bald nach Osten, bald nach Westen,
Bald nach Norden, bald nach Süden,
Sie zu allen Himmels Rändern,
Angstvoll ob der Frucht des Windes,
Bei des Leibes argen Schmerzen,
Ohne daß das Kind geboren,
Daß zum Vorschein es gekommen. [1. Rune]
Welch eine ausgezeichnete Psychologie! Auch
ein menschlicher Schöpfer ‒ Dichter, Künstler oder Erfinder ‒ gerät, wenn er
seine Vision verwirklichen will, nach der ersten wunderbaren Idee in diesen
schmerzlichen Zustand. Manch einer denkt vielleicht in diesem Zustand wie
Väinämöinen („Lüftetochter“),
Parempi olisi ollut
Ilman impenä eleä,
„Besser wäre es gewesen,
Wär’ ich Jungfrau in den Lüften, [1. Rune]
und betet zu seinem inneren Gott: „Lös’ das
Mädchen von den Qualen, Von den Wehen du die Jungfrau.“ Die schöpferische
Stimmung hat sich noch nicht zur schöpferischen Vernunft verwandeln können, und
das nennt man den „zweiten Logos“, das Weltgefühl, das seinem Wesen nach
männlich-weiblich, Geist und Materie, ist.
Es bedarf Hilfe, und die Hilfe kommt. Die
Arbeit beginnt und der Schmerz wird vergessen. Väinämöinen schwebt auf den
Wogen der Materie hin und her, und dann
Tuli sotka suora lintu,
Lenteä lekuttelevi,
Etsien pesän sioa,
Asunmaata arvaellen,
Sieh, herbei eilt eine Ente,
Fliegt herbei der schöne Vogel,
Suchet sich zum Nest ein Plätzchen,
Suchet eine Wohnungsstelle. [1. Rune]
Und
Nosti polvea merestä,
Lapaluuta lainehesta
Sotkalle pesän siaksi,
Asunmaaksi armahaksi.
Da erhob des Meeres Mutter,
Sie, der Lüfte schöne Tochter
Aus dem Meere ihre Kniee,
Aus der Fluth die Schulterblätter,
Wo die Ent’ ein Nest sich bauen,
Wo sie friedlich weilen könnte. [1. Rune]
Die Ente „sieht das Knie des Väinämöinen“, und
Siihen laativi pesänsä,
Muni kultaiset munansa,
Kuusi kultaista munoa,
Rautamunan seitsemännen.
Bauet dort ihr Nestlein fertig,
Legt hinein die goldnen Eier,
Goldner Eier ganze sechse,
Siebentens ein Ei von Eisen. [1. Rune]
Was ist nun die Ente, „der schöne Vogel“, der
den Schöpfer seine Schmerzen vergessen lässt? Sie ist das Denken, die Vernunft,
oder, genauer gesagt, die Formen erfindende Vernunft. Auch ein schaffender
Mensch seufzt vor Erleichterung, wenn er durch intensives Denken darauf kommt,
wie er seine Idee verwirklichen kann. Und der erste Gedanke zur Realisierung seines
Vorhabens kommt zu ihm, als würde ein Vogel aus den dunklen Tiefen des
Universums zu ihm fliegen.
Der Vogel ist kein schlecht gewähltes Symbol
für das Denken. Das gleiche Symbol finden wir auch in vielen alten Religionen.
In Indien spricht man vom „Schwan der Zeit“[40], und sogar beim christlichen Glauben wird der Heilige Geist in der
Gestalt einer Taube dargestellt. Die Ente ist auch der im Weltall schwebende
Gedanke des Schöpfers, der arbeitende Intellekt des Väinämöinen, der sog.
„dritte Logos“, der Heilige Geist, dessen Aufgabe es ist, das Urchaos zu
ordnen.
Was macht die Ente? Sie organisiert den
Urstoff zu Atomen. Sie bildet sieben Uratome, sechs goldene für die unsichtbare
und ein Eisenatom für die physische Welt.[41]
Die Eier sind eben Atome, keine Planeten und
keine Sonne, denn diese werden erst später geboren. Erst wenn Väinämöinen (die
Lüftetochter) „ihr Knie Rührt“ so dass „die Eier ins Wasser, In die Fluth des
Meeres stürzen; In der Fluth in Stücke brechen, Und in Splitter sich
zerschlagen“, verwandeln sich die Splitter zu Erde, Mond, Sonne und Sternen
(Planeten). Erst die Liebe, zusammen mit der Vernunft, baut die Welt. Wir
würden heute nicht sagen, dass die Atome sich in Splitter zerschlagen, sondern
dass sie sich bei der Erschaffung der Erscheinungswelt zusammenfügen, aber es
handelt sich um dieselbe Sache. Nach den neuesten Forschungsergebnissen auf dem
Gebiet der Atomlehre sind die Atome vollkommen organisierte Welten, wie
Sonnensysteme in Kleinformat – beinahe eine Art Monaden von Leibnitz – und so
gesehen scheint es keinen großen Unterschied zwischen „Klein“ und „Groß“ zu
geben. Im Gegenteil, der Kosmos, den wir Menschen wahrnehmen können, ist in
Wahrheit nur ein Teil oder ein Stück eines mehrstufigen Sonnensystems, und wir
können mit Recht sagen, dass ein Atom, das an sich ein vollkommenes Bild des
Kosmos ist, in unserer Welt gleichsam in Stücke zerbrochen ist. Die Weisheit
und das tiefe Wissen der alten Weisen scheint also auch in dieser Schilderung
hervorzuschimmern.
Es wird ja ganz deutlich erzählt, wie die
Schöpfungsarbeit weitergeht.
Alkoi luoa luomiansa,
Saautella saamiansa…
Kussa kättä käännähytti,
Siihen niemet siivoeli;
Kussa pohjasi jalalla,
Kalahauat kaivaeli;
Kussa ilman kuplistihe,
Siihen syöverit syventi.
Jetzt beginnt bei ihr das Schaffen,
Fängt sie an hervorzubringen…
Wo die Hand nur hin sie wandte,
Da entstanden Landesspitzen,
Wo sie mit dem Fuße ruhte,
Grub gar rasch sie Fischesgruben;
Wo ins Wasser sie sich tauchte,
Senkten sich des Meeres Tiefen. [1. Rune]
Nun müssen wir in der Kalevala zur zweiten
Rune übergehen, in der über die große Eiche erzählt wird. Hier geht der Schöpfungsbericht
weiter, indem man vom Sonnensystem auf die Erde kommt. Wie im Schöpfungsbericht
des 1. Buchs Mose das Wasser sich zum Meer sammelte, so dass die trockene Erde
sichtbar wurde, bevor Bäume auf der Erde zu wachsen begannen, so wird auch in
der Kalevala erzählt, dass der Schöpfer (Väinämöinen) manche Jahre
Saaressa sanattomassa,
Manteressa puuttomassa
Auf dem wortberaubten
Eiland,
Auf der baumentblößten Fläche [2. Rune]
wohnte. Erst danach kommt „Pellerwoinen, Sohn
der Fluren“, der z.B. das organische Leben ist, das von woanders hergekommen
ist.
Kylvi maita kyyhätteli,
Kylvi maita, kylvi soita,
Kylvi auhtoja ahoja,
Panettavi paasikoita.
Er besä’t das Land gar fleißig,
Wie das Land, so auch die Sümpfe,
Wie der Haine lockern Boden,
So die festen stein’gen Flächen. [2. Rune]
Das Land war fruchtbar und mit allerlei Bäumen
bewachsen, doch der „Baum Gottes“, nach dem erst die Landwirtschaft beginnen
konnte, fehlte noch. Dieser Baum Gottes, die große Eiche, war, wie Julius Krohn[42] richtig vermutet,[43] eine
große Wolke, die die Sonne und den Mond bedeckte und erst von dem kleinen Mann
(dem Sonnenstrahl) durchstochen wurde. Bei dieser Schilderung geht es nicht um
einen Einzelfall, sondern um die Zeit in der klimatischen Entwicklung der Erde,
als in der Natur Feuchtigkeit und ständige Regenfälle herrschten. Erst nachdem
diese andauernde Feuchtigkeit verschwunden war und die Sonne anfing zu
scheinen,
Kasvoi maahan
marjanvarret,
Kukat kultaiset keolle,
Ruohot kasvoi
kaikenlaiset,
Monenmuotoiset sikesi.
Beeren wuchsen aus dem Boden,
Goldne Blumen auf den Fluren,
Kräuter mancher Art entstanden
Und Gewächse jeder Weise. [2. Rune]
Erst danach begann der Ackerbau. Väinämöinen
„An des mächt’gen Wassers Rande; Fand daselbst der Körner sechse, Sieben schöne
Samenkörner“, und fing an zu säen. In den geheimen Traditionen wird ebenfalls
erzählt, dass die Weizenkörner ursprünglich von einem anderen Planeten auf die
Erde gebracht wurden.
Wir kehren nun zurück auf die erste Rune, die
wir noch nicht vollständig behandelt haben, und kommen an eine sehr merkwürdige
Stelle. Der Schöpfer, Väinämöinen, ist die ganze Zeit beschäftigt gewesen, aber
er ist noch nicht „geboren“.
Jo oli saaret siivottuna,
Luotu luotoset merehen,
Ilman pielet pistettynä,
Maat ja manteret sanottu,
Kirjattu kivihin kirjat,
Veetty viivat kallioihin,
Viel’ ei synny
Väinämöinen,
Ilmau ikirunoja.
Schon geschaffen waren Inseln,
Klippen in dem Meer begründet,
Festgestellt der Lüfte Pfeiler,
Flur und Felder schon geschaffen,
Bunt die Steine schon gesprenkelt,
Schön gefurchet schon die Felsen,
Wäinämöinen nur der Sänger
War und blieb noch ungeboren. [1. Rune]
Irreführend ist natürlich, dass in der
Kalevala anstatt Väinämöinen der Name Lüftetochter erscheint. Wenn man aber bedenkt,
dass beide dasselbe bedeuten, fragt man sich, warum Väinämöinen erst jetzt zur
Welt kommt. In der alten Kalevala ist er auch bereits geboren (und das war, vom
Standpunkt der oben geschilderten Bedeutung der Dreiheitslehre aus gesehen,
begründet). Ist nun die Rune in der neuen Kalevala im Unrecht, denn Väinämöinen
als der dreifaltige Logos ist nach unserer Darstellung bereits erschienen?
Darauf antworten wir: Keineswegs, denn in der neuen Kalevala wird auf einen
merkwürdigen Umstand, die sog. „zweite Schöpfung“, hingewiesen.
Was fehlt nämlich noch, obwohl die Welten
bereits gebaut sind? Es fehlt der Mensch, es fehlt das „Bild Gottes“. Und wir
müssen nicht denken, dass es keine Lebewesen gab. Die Welt ist ja voller Leben,
und es gibt vielleicht auch menschliche Gestalten dabei. Doch bevor in dieser
Gestalt die Kräfte des Schöpfers bewusst geworden sind, hat sich Väinämöinen,
der Logos, noch nicht aus dem Bauch seiner Mutter befreien können. Erst wenn im
Menschen die Vernunft, der menschliche Intellekt und das Seelenleben erwachen,
wird Väinämöinen geboren.
Was ist die Schöpfungsarbeit, wenn nicht das
Streben des Schöpfers, sich selbst zu manifestieren? „Ich will mein eigenes
Bild sehen.“ Und ein Bild nach dem anderen wird verworfen: „Das bin ich nicht.“
Erst im Menschen fängt der Schöpfer an, sich selbst zu sehen. Und tief in der
Seele des Menschen liegt der Wille des Schöpfers, sich selbst in seiner
Vollkommenheit zu sehen. Deshalb findet auch der Mensch keine Ruhe, bevor er
diese seine innerste göttliche Sehnsucht versteht und anfängt, nach der
Vollkommenheit zu streben, für die er geschaffen wurde. Die Stimme Gottes betet in seiner Seele:
Saata maalle matkamiestä,
Ilmoillen inehmon lasta,
Kuuta taivon katsomahan,
Päiveä ihoamahan,
Otavaista oppimahan,
Tähtiä tähyämähän!
”Daß ich auf der Erde wandre,
Wie ein Menschenkind im Freien,
Daß des Himmels Mond ich schaue,
Daß die Sonne ich gewahre,
Daß den Bären ich erblicke,
Daß die Sterne ich betrachte!“ [1. Rune]
Und Gott in der Gestalt des Menschen wird aus
eigener Kraft geboren:
Liikahutti linnan portin
Sormella nimettömällä,
Lukon luisen luikahutti
Vasemmalla varpahalla,
Tuli kynsin kynnykseltä,
Polvin porstuan ovelta.
Sprengt der Feste schmale Pforte
Mit dem Finger ohne Namen,
Schlüpfet durch das Schloß, das starre,
Mit des linken Fußes Zehe,
Kriechet mit der Hand zur Schwelle,
Auf den Knieen durch das Vorhaus. [1. Rune]
Seine eigene Dreiheit hat der Schöpfer dem
Menschen geschenkt; und das ist die zweite Schöpfung.
Die ganze Entstehung der Welt ist, vom
Standpunkt des Weisen aus gesehen, kreative Arbeit eines großen Künstlers. Sie
ist Schmerz und Freude und wird in der Kalevala meisterhaft geschildert. Wie
wirkungsvoll, wenn auch schlicht und einfach erzählt, ist doch die
Schöpfungsgeschichte der Kalevala! Da gibt es keine gewöhnlichen menschlichen
Emotionen, sondern größere Gefühle, größere Kraft, göttliche Gedanken und den göttlichen
Willen. Edel und majestätisch steht sie vor unseren Augen.
9. DIE ERLÖSUNGSARBEIT
Unter dem Begriff Erlösungsarbeit versteht
man in der christlichen Lehre die göttliche Tätigkeit, mit der die der Sünde
verfallene Menschheit wieder mit Gott in Verbindung gebracht wird. Das
geschieht in der Regel durch die Vermittlung der zweiten Person, des Sohnes,
der dann für den „Heiland“ der Menschheit gehalten wird, wie z.B. im
Christentum Christus, im Hinduismus Krishna (Vishnu), in Ägypten Horus usw. Doch
an der Erlösungsarbeit ist natürlich die gesamte göttliche Dreiheit beteiligt.
Im Christentum z.B. leitet der Heilige Geist die Kirche und führt einzelne
Menschen zum Christus. Der Vater wiederum liebt die Welt so sehr, dass er zur
Versöhnung der Sünden der Welt seinen einzigen Sohn sterben lässt.
Diese Lehre über den göttlichen Heiland ist
gerade der Lehrsatz, den die gläubigen Christen eifersüchtig lieben und für
ihre eigene halten. „So etwas hatten die Heiden nicht. Über Jesus Christus
wissen die Naturvölker nichts“, rufen sie erfreut aus. Und wir antworten: Den
Heiland namens „Jesus Christus“ haben die Heiden allerdings nicht gekannt, doch
eine andere Frage ist, ob sie überhaupt einen Heiland gekannt haben. Die Welt
„steht“ viel länger als 6 000 Jahre, und unserer Meinung nach ist es
„Gotteslästerung“, wenn man denkt, dass das Leben der Menschheit Hunderte,
vielleicht Millionen von Jahren nur Wandern in der Finsternis zur Verdammnis gewesen
wäre, bis der liebe Gott vor ein paar Tausend Jahren seinen Blick auf die Erde
warf und dachte, dass etwas für die Menschheit getan werden sollte. So ist es
nicht. Göttliche Erlösungsarbeit ist keine historische, in einem Augenblick
durchgeführte Arbeit, sondern unermüdliche Erziehungs- und Entwicklungsarbeit,
die durch unendlich viele Zeitalter und Ewigkeiten hindurch dauert. Finsternis
gibt es heute wie vor zehntausend Jahren. Das Licht ist heute dasselbe wie vor
einer Million Jahren. Finsternis und Licht gehen Hand in Hand, bis in einem
Individuum das Licht siegt. Die Erlösungsarbeit ist nicht von exoterischer,
sondern von esoterischer Natur.
Deshalb können wir ohne Weiteres sagen, dass
die alten Finnen den göttlichen Erlösungsplan ebenso gut kannten wie die
anderen alten Völker, wenn wir nur bedenken, dass die Formen sich ändern, aber
der Geist bleibt. Förmlich gesehen hatten die „Heiden“ und die Naturvölker ein
anderes Bild über das Leben und die Aufgabe der Menschheit als die Christen,
aber mit dem Auge des Geistes gesehen besitzen ein heidnischer wahrer Wissender
und ein in christliche Mysterien Eingeweihter die gleiche Lebensweisheit.
Wenn wir uns nun an die Arbeit machen, die
Auffassungen der alten Finnen über die Entwicklung und die Erlösung der
Menschheit zu betrachten, sollten wir nicht vergessen, dass in den alten
Allegorien Namen und Wörter, je nach dem, um welches Thema es sich handelt, in
unterschiedlichen Bedeutungen benutzt werden. Diese verschiedenen Bedeutungen
sind nicht willkürlich gewählt; der rote Faden ist dabei immer ersichtlich. Es
geht vielmehr um sozusagen verschiedene Schattierungen, verschiedene
Begrenzungen derselben Bedeutung, als um völlig verschiedene Bedeutungen. Wir
sollten aber nicht vergessen, dass in alten Zeiten Namen und Wörter mit keiner
so großen wissenschaftlichen Genauigkeit gewählt wurden als in unseren Tagen.
Die ganze Darstellungsweise war, anders gesagt, poetisch.
Wir haben bereits erwähnt, dass in der
Mysteriensprache der Name Kaleva wahrscheinlich den Logos bezeichnete. Dann sahen
wir, dass in der Schöpfungsrune der Name Väinämöinen für den Logos stand, und
ebenfalls sogar die Lüftetochter und die Ente, die letztgenannten allerdings,
um bestimmte Arbeitsbereiche des Logos darzustellen. Wir wissen jedoch, dass
die Kalevala Väinämöinen an einigen Stellen den „Sohn des Kaleva“, nennt. Das
wundert uns nicht, wenn wir bedenken, dass der Logos im Allgemeinen auch
„Gottes Sohn“ genannt wird. Das weist aber zugleich darauf hin, dass auch
Väinämöinen in einer gewissen Bedeutung nur ein bestimmter Aspekt des Bewusstseins
des Logos, des Kaleva, ist.
In einer Sage wird erzählt, dass Kaleva zwölf
Söhne[44] hatte. Wenn alle diese Namen einmal herausgefunden werden, dann hat
man auch die alten Mysteriennamen für die zwölf Hierarchien gefunden, die die
verschiedenen Aspekte des Logos vertreten und deren astrologisches Symbol der
sog. Zodiak, der Tierkreis, ist. Sieben von diesen Namen können außerdem die
sieben Hauptengel bezeichnen, die dem Thron Gottes am nächsten stehen und
dessen astrologische Vertreter die sieben heiligen Planeten sind. Und drei von
diesen Namen bezeichnen die drei Bewusstseinsaspekte des Logos, die sein Wesen
im Großen und Ganzen manifestieren und deshalb drei Personen, drei „Masken“
seiner Dreiheit genannt werden. Die drei Namen sind uns neben einigen anderen
in der Kalevala erhalten geblieben, diese drei jedoch ganz deutlich und sicher.
Wer sind sie? Es sind die drei Haupthelden der
Kalevala: Väinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen.
Wenn wir uns in die Psychologie des Logos
vertiefen wollen, müssen wir Väinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen als Vertreter
göttlicher Kräfte betrachten. Diese Kräfte manifestieren sich in der seelisch-geistigen
Entwicklung der Menschheit und im inneren Leben des einzelnen Menschen. Wenn
wir uns in diese Dinge vertiefen, öffnen sich mächtige Perspektiven vor unseren
prüfenden Augen.
Wir
haben bereits erwähnt, dass die psychologische Dreiheit des Logos den drei
Aspekten der menschlichen Psyche, der Seele, entspricht, so dass der erste
Logos, der Vater, die Gewalt, die Macht (die Krone, Kether) ist, die dem Willen
des Menschen entspricht; der zweite Logos, der Sohn, ist die allmächtige Liebe,
die Weisheit, die dem menschlichen Gefühl entspricht, und der dritte Logos, der
Heilige Geist, ist das schaffende Genie, das Licht der Wahrheit, und entspricht
im Menschen dem Wissen, der Vernunft. Wenn wir nun diese Begriffe mit den
Bezeichnungen der Kalevala ersetzen, sehen wir, dass Väinämöinen die göttliche
Macht des Willens, Lemminkäinen die göttliche Macht der Liebe und Ilmarinen die
göttliche Kraft des Denkens darstellen. Mit Hinweis auf diese göttliche
Dreiheit wird in der alten Kalevala ausdrücklich von Väinämöinen gesagt:
Min’ olin miesnä
kolmantena
Ilman pieltä pistämässä,
Taivaan kaarta
kantamassa,
Taivoa tähittämässä.
Als dritter Mann war ich da oben,
Den Rand der Lüfte aufzustellen,
Den Himmelsbogen hoch zu halten,
Den Himmel voll mit Sternen streuen.
Im Folgenden werden wir Lemminkäinen und
Ilmarinen einzeln betrachten, doch unsere Behauptung, die auf den ersten Blick
vielleicht wie aus der Luft gegriffen klingt, wird sofort glaubhafter und
verständlicher, wenn wir uns erinnern, was die Kalevala im Allgemeinen über
ihre Haupthelden erzählt. Womit beschäftigen sich in der Kalevala Väinämöinen,
Ilmarinen und Lemminkäinen, was ist der Beweggrund und das Ziel ihres
Schaffens? Zumindest am Anfang wollen sie die wunderschöne Nordlandstochter für
sich gewinnen.
Lasst uns unsere Aufmerksamkeit darauf
richten. Die Helden der Kalevala werben alle um die Nordlandstochter, jeder möchte
sie besitzen.
„Was ist denn da göttlich?“, fragt sich der
Leser. Und wir antworten: Ausgerechnet darin äußert sich ihre göttliche
Funktion.
Die „Werbung“, die „Heirat“ und solche Wörter
im Allgemeinen, die die höchste weltliche Sanftmut und Liebe bezeichnen,
gehören zur Mysteriensprache, die dem Wissenden große psychologische Wahrheiten
enthüllen. Lasst uns nur daran denken, wie im Christentum Christus, z.B. in den
Paulusbriefen, als Bräutigam und die Gemeinde, die Kirche oder die einzelne
Menschenseele als seine Braut dargestellt werden. Sogar ein so glühend
realistisches Gedicht wie das „Hohelied“ ist in diesem Sinne als eine
symbolische Schrift interpretiert worden. Bekannt für die Christen ist auch der
Satz im Genesis: „Da sahen die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen,
wie sie schön waren, und nahmen zu Weibern.” Und wer kennt nicht das schöne
griechische Märchen von Amor (Liebe) und Psyche (Seele)?
Was ist denn die göttliche Wahrheit, die man
mit solchen Sätzen zu deuten versucht? Eben das Gleiche, was in den Worten
„göttliches Erlösungswerk“ enthalten ist. Man versucht zu deuten und klar zu
machen, wie das göttliche Bewusstsein die Menschheit und die Menschenseele
liebt und sucht, wie es danach trachtet, sich mit der Seele zu verbinden und
die Seele zu sich zu erheben.
Väinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen wohnen
alle in Suvantola, auf den Flächen Kalevalas, wo immer eine sommerliche
Stimmung herrscht, d.h. auf den höheren Ebenen der unsichtbaren Welt, und
wollen von dort aus um die Nordlandstochter werben.
Nordland wird als kalt und düster dargestellt.
Die einzige Herrlichkeit dort ist die Nordlandstochter. Was anderes ist
Nordland als dieses Erdenleben, diese physische Welt, dieses „Tal der Sorge und
des Leides“? Und was anderes ist die Nordlandstochter als die Menschheit, die
Menschheit als seelisches Kollektivbewusstsein? Und vom Standpunkt des Individuums
aus gesehen ist Nordland das physische Leben des Menschen, kurz gesagt sein
Körper, und die schöne Nordlandstochter die Seele des Menschen, die im Körper
wohnt.
Die Helden Kalevalas, die um die
Nordlandstochter werben, bezeichnen die göttlichen Entwicklungskräfte, die die
Menschenseele erziehen und bestrebt sind, dadurch eine neue Menschheit zu
kreieren. Weshalb sollten wir uns der Darstellung der Kalevala schämen, wenn
sie auf ihre eigentümliche Weise göttliche Mysterien interpretiert – wir schämen
uns ja auch nicht, wenn wir in einer unserer Meinung nach philosophischeren
Sprache über die „Liebe Gottes“, die „Liebe Christi zu seiner Braut“ usw.
sprechen.
Dass die alten finnischen Weisen nicht von der
Sehnsucht der Menschen nach Gott und der Weisheit, sondern von der Sehnsucht
Gottes nach Menschen sprechen, zeugt gerade von ihrer wirklichen Weisheit. Alle
Menschen wissen ohne Weiteres, dass der Mensch sich nach der Wahrheit sehnen
und nach Gott streben kann, doch nur die Weisen wissen, dass die Sehnsucht des
Menschen nur ein schwacher Nachgeschmack der göttlichen Sehnsucht und Liebe
ist, die die höchsten Bewusstseinswesen zur Menschenseele empfinden. „Also hat
Gott die Welt geliebt”, flüstert die Christenheit in heiliger Wahrheitsahnung,
und irrt sich nur, wenn sie glaubt, dass Gott nicht bereits seit Anbeginn der
Zeit die Menschheit mit Tat und Rat geliebt hätte.
Wie erfolgreich sind denn die Helden der
Kalevala in ihrer Werbung; wie gelingt es den göttlichen Geisteskräften, ihre Erlösungsarbeit
durchzuführen? Väinämöinen gewinnt weder Aino, noch die Nordlandstochter; auch
Lemminkäinen ist erfolglos; nur Ilmarinen gelingt in seinem Vorhaben. Hier
sieht man eine scharfe psychologische Einsicht und eine tiefe Kenntnis der
Entwicklungsgesetze des Lebens. Denn welche Seite des göttlichen Bewusstseins
kann die Menschenseele besiegen und zu sich wenden? Der Wille allein? Nein. Die
Menschenseele ist zu voll von Phantasiebildern und Erlebnisdrang, um sich ohne
Weiteres „unter den Willen Gottes“ zu beugen. Und das Gefühl an sich? Nein. Die
Seele des Menschen ist in ihrer Schwäche zu stolz, um sich mit der „Liebe
Gottes“ ‒ verstanden als Gefühl ‒ zu begnügen. Sie braucht, zumindest am
Anfang, göttliche Hilfe und Kraft, an deren Standfestigkeit und Fähigkeit sie
glauben kann und für die sie sich faszinieren kann. Und diese Kraft ist
natürlich der Verstand.
Ilmarinen, der Vertreter des Verstandes und
des Genies, ist derjenige, der die Nordlandstochter zu sich holt. Was wäre auch
das Schicksal der Menschenseele ohne das Licht des Verstandes, ohne
Selbständigkeit, ohne die Möglichkeit zur „Widerspenstigkeit“, zur „Sünde“ und
zum „Bösen“, was den Menschen zum Menschen macht. Er wäre wie eine Puppe in den
Händen der Götter, ein unbewusstes „Bild Gottes“, vollkommen, doch ohne
Verdienst.
Deshalb sind es die Ilmarinen-Kräfte, die im
Leben der Menschheit zuerst auf die Bühne treten, und die Väinämöinen-Kräfte
erscheinen erst zuletzt. Über den menschlich-göttlichen Willen als allgemeines
Phänomen in der Menschheit können wir noch nicht sprechen. Was wir den Willen
nennen, ist – wie die modernen Psychologen bemerken – leicht in seine Elemente
des Denkens und des Fühlens zu zerlegen. Der wirkliche Wille ist eine
esoterische Sache. Er äußert sich erst in wahren Wissenden, in wahren Könnern.
In der Kalevala ist ja auch Väinämöinen der „einzig ew’ge Zaubersprecher“, der
mit der Macht seiner Worte und seines Gesangs mehr zustande bringt als andere
durch ihre Taten. Väinämöinen ist der Mächtige par préférence, und seine Aufgabe bei der Erlösungsarbeit ist von
individueller, nicht kollektiver Art. Sein Einfluss macht sich somit in den
späteren Entwicklungsstadien des Individuums und der Menschheit bemerkbar.
10. DIE LEMMINKÄINEN-KRÄFTE
Die Kalevala-Helden werden in den
Werbungsrunen als keine vollkommenen Geschöpfe dargestellt. Obwohl sie – in der
Bedeutung, die wir hier erläutern werden – göttliche Kräfte vertreten,
erscheinen sie in der Kalevala als durchaus menschliche, ja sogar als schwache
Wesen. Väinämöinen, der alt und wahrhaft, weise und erfahren ist und Willen und
Macht über die Natur und sich selbst besitzt, erscheint uns, wenn er um ein junges
Mädchen zu werben beginnt, merkwürdig unklug und unerfahren. Seine Liebe zur
jungen Aino kann in ihrer Schwäche und der offenbaren Sinnlosigkeit nichts
anderes als tragisch sein. Lemminkäinen, der schöne Kaukomieli, dessen gesamtes
Wesen vor Eifer und Glaube, Poesie und Liebe strotzt, wird gleichzeitig als ein
jähzorniger, streitsüchtiger Krieger und leichtsinniger Liebesabenteurer
dargestellt. Ilmarinen, „der ev’ge Schmiedekünstler“, der geschickte und
geniale Sampo-Schmied, ist gleichzeitig etwas träge, faul, mürrisch, ja sogar
beinahe kindisch und einfältig.
Mit der Beschreibung ihrer Helden, die übermenschliche
Taten vollbringen, als derart menschliche Geschöpfe stellt die Kalevala sie uns
so nahe, dass wir ihre Göttlichkeit beinahe vergessen. Dennoch scheint es uns,
als ob die Kalevala die Grundeigenschaften eines jeden ihrer Helden gerade
dadurch hätte betonen wollen. „Schaut her“, sagt sie, „was in jedem das Beste
ist, das entwickelt sich und wächst weiter. Nur ein Toter bleibt stehen und
rührt sich nicht; der lebendige Geist strebt vorwärts.“
Dieses Entwicklungsprinzip läuft als ein roter
Faden durch die Geschichte des Lemminkäinen. Lemminkäinen, als Vertreter der im
Herzen der Menschheit rasenden Emotionskräfte, zeigt in seinem Lebenslauf
verschiedene Entwicklungsstadien dieser Emotionen. Das zeigt sich förmlich auch
darin, dass die Lemminkäinen-Runen – wie Prof. K. Krohn beweist[45] – aus
verschiedenen Elementen, aus Erzählungen über verschiedene Personen, wie z.B.
den Inselländer Ahti, Kaukamoinen, den armen Knaben usw., zusammengestellt
sind, die in der Phantasie des Volkes und der Runensänger bereits zusammengehört
haben und gleichsam Parallelnamen eines und desselben Wesens waren. Als
Kaukamoinen und Inselländer Ahti gerät Lemminkäinen in Liebesabenteuer mit den
Insel-Mädchen und nimmt Kyllikki zu seiner Frau; als Lemminkäinen wirbt er um
die Nordlandstochter, und die Erzählung über seinen Tod stammt ursprünglich aus
der Rune über den armen Knaben.[46] In der neuen Kalevala hat Lönnrot, psychologisch richtig sehend, die
Kaukamoinen-Episode in die Jugend des Lemminkäinen, bevor er als Nebenbuhler
um die Gunst der Nordlandstochter auftrat, gesetzt, denn die Kyllikki-Rune
beschreibt eigentlich eine ältere Periode in der Entwicklungsgeschichte der
Lemminkäinen-Kräfte der Menschheit.
Als Ahti wuchs Lemminkäinen „im hochgebauten
Hause, an der lieben Mutter Seite“ und
Tuli mies mitä parahin,
Puhkesi punaverinen,
Joka päästänsä pätevi,
Kohastansa kelpoavi.
Wurde Mann, der besten einer,
Blühte auf mit rothem Blute,
War am Haupte gar vortrefflich,
Und von Wuchs wohl ausgezeichnet; [11. Rune]
Nur einen Fehler hatte er:
Ain’ oli naisissa eläjä,
Yli öitä öitsilöissä,
Noien impien iloissa,
Kassapäien karkeloissa.
Stets bei Weibern war sein Leben,
Wanderte umher zur Nachtzeit,
Bei der Mädchen muntern Freuden,
Bei dem Tanz der Zopfgeschmückten. [11. Rune]
Die Rune weist auf diese Schwäche des
Lemminkäinen mit beinahe spöttischem Lächeln hin, so wie die Kalevala das Leben
ihrer Helden oft mit etwas Humor betrachtet. Bei der okkultistischen
Interpretation der Kalevala muss diese Besonderheit beachtet werden. Lemminkäinen
wird gelobt, seine Kraft und seine Tüchtigkeit werden bejubelt. Er zaubert mit
seinem Gesang und seinen Beschwörungsformeln. Die Rune meint jedoch, dass ein
kleiner Spott am Platze sei. Wie soll man das verstehen?
Darin spiegelt sich die spätere,[47]
kritische Sichtweise der alten finnischen Weisheit. Sie kennt die Tatsachen.
Sie weiß, dass das Gefühl – zumindest noch vorläufig – die größte Kraft im
Herzen der Menschheit ist, sie weiß, dass das Gefühl, wenn es kindhaft
selbstsüchtig und leichtsinnig ist, zu einer erschütternden und magischen
Naturkraft wächst, wenn sie sich auf ein bestimmtes Objekt richtet; sie weiß,
dass die Menschheit ihre größten Heldentaten und Wunderwerke wirklich durch den
Antrieb des Gefühls vollbringt. Und dennoch ist sie gleichzeitig skeptisch, so
lange die Menschheit nicht Herr ihrer eigenen Lemminkäinen-Kräfte ist. Wie
treffend wird das doch in dem arroganten und verachtenden Verhalten des
Lemminkäinen dem Naßhut dem Heerdenhüter gegenüber ausgedrückt! Gerade zur
Stunde des Sieges lässt er sich von seinem Gefühl irreführen – und das Ergebnis
ist sein tragisches Ende. Die Wurzeln des Gefühls sitzen so tief im materiellen
Wesen des Menschen, dass man sie mit gutem Grund fürchten kann, bevor man sein
„Herz vollkommen gereinigt“ hat.
Was ist nämlich der Anfang und der Ursprung
der Lemminkäinen-Kräfte des geoffenbarten Gefühls? Das sexuelle Wesen des
Menschen. Die Möglichkeiten des Gefühls liegen in der Liebesfähigkeit seines
Bewusstseins verborgen, doch seine leibliche Sexualität erweckt sie und
verleiht ihnen die Ausdrucksform. In der Kalevala heißt es deshalb ganz
richtig: Das Gefühl ist eine wunderbare Sache, aber seine Schwäche liegt darin,
dass es seine Kraft aus der Sexualität zieht.
Nachdem sich das fröhliche, leichtsinnige und
sexuell geprägte starke Gefühl etwas beruhigt hat, richtet sich die Liebe beständiger
auf ein bestimmtes Objekt und im Leben des Lemminkäinen beginnt die
Kyllikki-Episode. Das Gefühl hat sich aber noch nicht gereinigt ‒ weder in
Lemminkäinen noch in Kyllikki. Es verlangt Schwüre und leistet Schwüre (11:
289‒314). Und deshalb muss es untergehen.
Erst wenn Lemminkäinen bei seiner Werbung um
die Nordlandstochter allerlei Hindernisse überwinden muss, die nicht nur mit
leichtsinniger Gewalt zu lösen sind, und wenn ihm allerlei Heldentaten
auferlegt werden, erst dann befreit er sich von seiner Selbstsucht und
Eigenliebe und beginnt zu verstehen, was die Liebe ist. So wird das
Gefühlsleben im Herzen der Menschen ‒ Schritt für Schritt, im Laufe langer
Entwicklungsperioden ‒ gereinigt und veredelt und stolzer Hochmut zu Demut und
treuherziger Hingabe verwandelt. Die Kalevala vermeidet ‒ wie es dem finnischen
Temperament eigen ist ‒ auch in dieser Schilderung über das Ende des
Lemminkäinen jede Sentimentalität und übertriebene Gefühlsäußerungen. Mit ein
paar Worten verkündet Lemminkäinen bei seinem Tod sein tiefes Vertrauen auf die
Liebe seiner Mutter und drückt gleichzeitig sein eigenes wahres Gefühl ihr
gegenüber aus:
Oi emoni kantajani,
Vaivan nähnyt vaaliani!
Tietäisitkö, tuntisitko,
Miss’ on poikasi
poloinen,
Tokipa rientäen tulisit,
Avukseni ennättäisit.
Mutter, die du mich getragen,
Die mit Mühsal mich erzogen!
Mögst du wissen und erfahren,
Wo dein Sohn, der Arme, weilet,
Kämest dann herbeigeeilet,
Kämst um rascher mir zu helfen. [14. Rune]
Und
wenn die Mutter ihn aus den Toten erweckt hat, erinnert er sich an seine Liebe
zur Nordlandstochter, für die er so viel gelitten hat:
Tuollapa syämmykseni,
Tuolla tuntoni makaapi
Noissa Pohjan neitosissa,
Kaunoisissa kassapäissä,
Dorten ruht mein Herz gar gerne,
Dort verweilen meine Sinne:
Bei des Nordens schönen Jungfraun,
Bei den schöngelockten Mädchen; [15. Rune]
Die Pluralform ist in diesen Worten nur eine
Art pluralis modestiae.
Wenn wir uns in die Einzelheiten vertiefen,
können wir im Leben des Lemminkäinen drei Hauptperioden vernehmen, welche die
drei Entwicklungsstadien des menschlichen Gefühlslebens deutlich darstellen.
1. Die Kindheit des Gefühlslebens, in dem das
Gefühl leichtsinnig, unbedacht und oberflächlich ist und von einem Objekt zum
anderen flattert. 2. Die Jugend, in dem das Gefühl nach einem Stützpunkt sucht
und danach strebt, mit Schwüren und Versprechungen seinem Ideal treu zu
bleiben. 3. Das Erwachsenenalter, in dem es versteht, dass nichts ohne
entsprechende Anstrengungen und Siege erreicht werden kann.
Eine Periode am Anfang der Entwicklung haben
wir noch nicht beschrieben: den Übergang vom tierischen Stadium zum
menschlichen, d.h. das Entwicklungsstadium, das dem blinden Instinktleben des
Tierreichs am nächsten steht und von dem die geheimen Überlieferungen sprechen.
Hat die Kalevala das übersehen?
Unseres Erachtens nicht, obwohl darauf nur im
Vorbeigehen hingewiesen wird. Wenn Lemminkäinen alle Männer aus der Stube des
Nordlands (12: 443‒473) mit seinem Gesang hinauszaubert, lässt er einen übrig:
„Einen schlechten Heerdenhüter, Einen Alten ohne Augen“. Dieser ”Naßhut, jener
Heerdenhüter, Nordlands Greis mit blinden Augen” fragt dann nach dem Grund,
warum er nicht zusammen mit den anderen aus der Stube hinausgesungen wurde. Lemminkäinen antwortet:
Siksi en sinuhun koske,
Kun olet katsoa katala,
Kurja koskemaisittani;
Vielä miesnä nuorempana,
Karjan paimenna pahaisna
Turmelit emosi tuoman,
Sisaresi siuvahutit,
Kaikki herjasit hevoiset,
Tamman varsat vaivuttelit
Suon selillä, maan
navoilla,
Ve’en liivan liikkumilla.
„Deshalb hab’ ich dich verschonet,
Weil du elend bist zu schauen,
Schändlich ohne meinen Zauber,
Hast du doch in jungen Jahren
Als ein Hirte voller Bosheit
Deiner Mutter Beer’ verletzet,
Deine Schwester du geschändet,
Alle Pferde du verdorben,
Alle Füllen abgemattet
Auf den Sümpfen, auf den Feldern,
Auf dem Boden voller Schwankung.“ [12. Rune]
Der blinde Heerdenhüter steht als Symbol für
die Zeit, in der die neugeborene Menschheit Unzucht mit Tieren trieb und von
der z.B. H. P. Blavatsky in der Geheimlehre
spricht. Das Licht der Vernunft war in den Menschen noch so schwach, dass sie
nichts Besseres wussten, als es den Tieren nachzumachen und sich Hals über Kopf
dem Sexualtrieb hinzugeben. Dieser ursprüngliche Sündenfall, auf den die
Paradieserzählungen hinweisen, hat auch den Grundstein für die späteren Leiden
der Menschheit gelegt. Der Sexualtrieb war schon immer für die Menschheit eine
verhängnisvolle Geißel, die ihr viel Leid gebracht hat. Die gleiche Menschheit,
die heute zum Teil die Rolle des Inselländers Ahti, zum Teil die des schönen
Kaukomieli spielt, hat früher als von seinem Trieb geblendeter Heerdenhüter auf
der Bühne gestanden und erntet jetzt in ihrer Lebenstragödie die karmischen
Folgen ihrer ursprünglichen „Sünde“.
Wer mit der theosophischen Literatur vertraut
ist, weiß, dass die Geheimwissenschaft über die Wurzelrassen der Menschheit
spricht. Die zwei ersten waren überphysisch und erst die dritte war die erste Menschenrasse,
die mit dem physischen Körper versehen war und deren Wohnsitz ein in die Tiefe
des Stillen Ozeans versunkener Kontinent war. Der Naturforscher P. L. Sclater
hat diesen Kontinent Lemurien genannt.
Die vierte war die atlantische, rote und gelbe
Rasse, die auf dem in den Atlantik versunkenen Kontinent („Atlantis“) wohnte.
Platon erzählt von der Insel Poseidonis[48], dem letzten Überrest des Atlantis, und in der Kalevala gehören der
Inselländer Ahti und die auf der Insel wohnende Kyllikki ‒ sowohl dem Namen als
dem psychologischen Inhalt nach ‒ eigentlich zur atlantischen
Entwicklungsstufe. (Ahti/Wellamo weist auch auf die Gefühlswelt, die
„Astralebene“, hin, als deren Symbol immer das Wasser steht.)
Nach der Geheimlehre
lebt die Menschheit heute in der fünften, der arischen Wurzelrasse, und die
beste Minderheit der Menschheit steht in seinem Gefühlsleben deshalb auf der
Stufe des eigentlichen Lemminkäinen, doch der Großteil lebt immer noch das
Leben des Kaukamoinen.
Die noch ungeborenen Wurzelrassen, die sechste
und die siebente, werden die Lemminkäinen-Kräfte der Menschheit so weit läutern,
dass die Menschen anfangen, Christus-Liebe in ihrem alltäglichen Leben zu
verstehen und zu verwirklichen.
Die göttliche Erlösungsarbeit zeigt sich in
der sich stufenweise vollziehenden Gefühlsentwicklung. Deren Spitze wird erreicht,
wenn die persönlichen Gefühle, die „guten“ wie die „schlechten“, in den großen
Ozean der göttlichen Liebe versinken. Lemminkäinen vertritt also, in seiner
höchsten und tiefsten Bedeutung, die Christus-Kräfte der Menschheit.
[1] [H. P. Blavatsky, The National Epic of Finland (Review), Collected Writings, Volume X, S. 143–148
– J.M.]
[2] [Maria Ramstedt (1852‒1915),
finnische Theosophin, Journalistin und Übersetzerin. Sie benutzte als Authorin
den Männernamen Martti Humu. – J.M.] ]
[3] [Herman Hellner, Kämmerer
(1848‒1945), finnischer Theosoph. . ‒ J.M.]
[4] [Perm nannte man in den alten
russischen Texten aus dem Mittelalter das Gebiet zwischen dem Weißen Meer und
dem Ural. Die Einwohner waren Komi-Syränen und Udmurten (Wotjaken). Manchmal
wurden Perm und die Permjaken mit Bjarmland der norwegisch-isländischen Sagen
identifiziert, womit die um das Weiße Meer liegenden Gebiete gemeint sind,
dessen Einwohner vermutlich karelische oder wepsische Handelspartner der Syränen
waren. Lönnrot vermutete, dass die Kalevala-Volksdichtung in den südöstlichen
Gebieten um das Weiße Meer oder in dem um den Onega- und Ladogasee liegenden
Gebiet während der „permischen Vorherrschaft“ entstanden seien und dass die
Karelen, bei denen die Runen erhalten geblieben sind, möglicherweise Nachkommen
der Permjaken waren.‒ J.M.]
[5] [Henrik Gabriel Porthan
(1739‒1804), Vater der finnischen Folkloristik, Herausgeber von De poësi
fennica (1766‒1778).
Kristian Erik Lencqvist (1761‒1808), Forscher
der finnischen Geschichte, der Mythologie und der finnischen Sprache. Hat 1782
seine Dissertation De superstitione
veterum Fennorum theoretica et practica herausgegeben.
Christfried
Ganander (1741‒1790), Pfarrer und Sammler der finnischen
Volkstradition. Herausgeber der Werke Nytt
Finskt Lexicon (1787) und Mythologia
Fennica, ein Nachschlagewerk über die finnische Mythologie (1789).
Reinhold von Becker (1788‒1858), Lönnrots
Lehrer an der Universität Turku. Hat 1820 in der Zeitschrift Turun Wiikko-Sanomat eine Abhandlung herausgegeben,
in der er die Volksgedichte über Väinämöinen in eine bestimmte Reihenfolge
gebracht hat.
Topelius Senior (1781‒1831), Kreisarzt und
Sammler der Volksdichtung. Herausgeber von Suomen
Kansan Runoja ynnä myös Nykyisempiä Lauluja (Gedichte des finnischen Volkes
sowie neuere Gesänge) (1822‒1831)
‒ J.M.]
[6] [Eino Leino (1878‒1926),
Schriftsteller und Journalist. ‒
J.M.]
[7] Suomalaisia kirjailijoita (Finnische
Autoren), Helsinki 1909, Otava, S. 24.
[8] [Kaarle Leopold Krohn
(1868‒1933), Professor für finnische und vergleichende Folkloristik.
Herausgeber des deutschsprachigen Werkes Kalevalastudien
I‒VI, Folklore Fellows Communications, Helsinki 1924 – 1928. ‒ J.M.]
[9] Suomalaisten runojen uskonto (Die
Religion der finnischen Runen), Helsinki 1915, Suom. Kirj.
Seura, S. 360.
[10] Das finnische Wort runo (Gedicht) ist das gleiche wie das
schwedische runa, ein altes gotisches
Wort, das ursprünglich die Bedeutung „Geheimnis, geheimes Wissen“ und
„Beschwörungsformel“ hat, obwohl es später die Bedeutung Runenschrift bekam.
[11] Im Buch Jeesuksen salakoulu [Deutsche Übersetzung, Die Geheimschule Jesu, Ihmisyyden tunnustajat, Mänttä 2008 ‒ M.H]
haben wir versucht, möglichst deutliche Hinweise darauf zu geben.
[12]
[“The National Epic of Finland (Review)”, H. P. Blavatsky, Collected Writings,
Volume X, S. 143–148. ‒ J.M]
[13] Op. cit. S. IV.
[14] [Nach Matti Kuusi, Folklorist
(1914‒1998), ist der Kalevala-Versmaß um 1000‒500 v. Chr. entstanden. Aus dieser Zeit stammen viele Entstehungsrunen,
wie z.B. „Die Entstehung der Welt“, „Die große Eiche“ und „Die Entstehung des
Feuers“. Die verschiedenen Versionen der epischen, mit Kalevala-Versmaß verfassten
Runen wurden jedoch erst frühestens am Anfang des 19. Jahrhunderts
aufgezeichnet; älter sind nur die ältesten Aufzeichnungen einiger
Beschwörungsformeln. ‒
J.M.]
[15]
Allan Menzies, Maailman uskonnot
(Die Weltreligionen), S. 5. [History of Religion. A Sketch of
Primitive Religious Beliefs and Practices, and of the Origin and Character of the Great Systems, 1895. ‒ J.M.]
[16] [Mikael Agricola (1510‒1557),
Bischof von Turku, Reformator und Vater der finnischen Literatursprache. –
J.M.]
[17] [Carl Axel Gottlund
(1796‒1875), Sammler der Volksdichtung, der erste, der den Gedanken vorbrachte,
dass aus den alten Runengesängen eine systematische Einheit wie Homeros, Ossian
und das Nibelungenlied zusammengestellt werden könnte. ‒ J.M.]
[18] [Karl Collan (1828‒1871),
Komponist und Literaturwissenschaftler. Übersetzte die Kalevala ins Schwedische
1864‒1868. ‒ J.M.]
[19] [Mathias Alexander Castrén
(1813‒1852), Philologe und Ethnologe. Zwischen 1853 und 1862 erschien in
deutscher Sprache die von der Russischen Akademie der Wissenschaften von Franz
Anton Schiefner herausgegebene zwölfbändige Publikationsreihe A. Castréns nordische Reisen und Forschungen
I‒XII. ‒ J.M.]
[20] [Donner, Otto (1835‒1909),
Senator und Professor für Sanskrit und vergleichende Sprachforschung. ‒ J.M.]
[21] [Johan Reinhold Aspelin
(1842‒1915), Archäologe, a.o. Professor für nordische Archäologie an der
Universität von Helsinki 1878−1885. ‒ J.M.]
[22] [August Ahlqvist (1826‒1889),
Dichter, Forschungsreisender und Philologe. ‒ J.M.]
[23] [Die heutige Forschung vertritt
den Standpunkt, dass die Kalevala-Gestalten rein mythische Personen sind. ‒
J.M.]
[24] Dass unter dem Volk noch die
Erinnerung an das göttliche Wesen des Väinämöinen und seine beinahe
sinnbildliche Bedeutung immer noch erhalten geblieben ist, sieht man z.B. an
dem folgenden Auszug aus der Zeitschrift „Kotiseutu“, März 1909: „Im
vergangenen Winter hörte ich in Niemelä, im Dorf Juntusranta, Suomussalmi, ganz
zufällig und zusammen mit anderen Sachen, eine recht bedeutende Beschreibung. Der
alte Kleinbauer Jaakko Heikkinen, der sie mir gab, war bereits 83 Jahre alt,
geboren am Ort, kannte zahlreiche alte Geschichten und besaß viel Wissen. Er
erzählte: Väinämöinen hatte kein Fleisch und Knochen wie wir, sondern, wenn
Zauberer und Runenmänner die Kraft aus Erde und Wasser und Mond und Sonne und
aus allem beziehen, so ist das, was aus all dem entsteht, Väinämöinen.“
[25] J. Krohn, Suomen suvun pakanallinen jumalanpalvelus (Heidnische Gottesanbetung
des finnischen Völkerstammes), Helsinki 1894, S. 80.
[26] Kalevala (1835), Vorwort zur
alten Kalevala, S. XI.
[27] [Der Ortsname Kalevala
erscheint in der Volksdichtung nur selten. Die Bezeichnung Kalevan poika, der
Sohn Kalevas, kommt hingegen häufig vor. Lönnrot verfasste aus den Versionen
der Volksgedichte über den Sohn Kalevas die Kullervo-Episode der Kalevala. In
finnischen Dialekten erscheint kaleva als ein Kraft- oder Bestärkungswort. Es
hat außerdem die Bedeutungen frech, stark, rüstig, ausgezeichnet und
Wetterleuchten; in Karelien rüstig, energisch und ungezogen. In den alten
westfinnischen und estnischen Erzählungen waren die Söhne Kalevas Riesen. ‒ J.M.]
[28] Vgl.
Gedicht „Eessä Isä Jumalan, Kengän kau’oilla Kalevan.“ („Vor
dem Antlitz Vater Gottes, vor den Füssen des Kaleva.“)
[29] Die moderne Psychologie lehnt
den Willen ab, weil sie, indem sie in ihren Forschungen den
empirisch-induktiven Weg geht, von Natur aus zum Materialismus neigt und also,
philosophisch gesehen, deterministisch ist. Sie sieht nirgendwo den Willen,
weil sie nirgendwo die Freiheit sieht. Die Manifestationen des menschlichen
Willens sind keine Manifestationen des freien Willens, sondern notwendige
Folgen der vorhergehenden Bewusstseinszustände, Gedanken und Gefühle. Der Wille,
in analysierter Form, ist Gefühl oder Denken; den Willen an sich gibt es nicht.
Hierbei handelt es sich um modernen Determinismus, und man kann dazu sofort
bemerken, dass man sich sehr wohl einen Bewusstseinszustand vorstellen kann,
der keine Tätigkeit verursacht; ein harmonischer und bewegungsloser Bewusstseinszustand
würde sich nicht manifestieren; die vollkommene Seligkeit und das vollkommene
Glück würden zu keiner Tätigkeit führen. Die heutige widersprüchliche Welt ist die conditio sine qua non des
Determinismus, der allerdings eine Vorstellung über das Seelenleben der
Menschen bis hin zum heutigen Entwicklungsstand gibt, aber weder tief genug
noch hoch genug geht. Anders gesagt: in seinen Erfahrungsbereich ist kein Wesen
geraten, das den Willen besessen hätte. Die spiritualistische Sichtweise
gründet sich auf das Wissen, dass es freie Wesen gibt.
[30] Diese Dinge haben wir auch im
Heft Kirkonopin teosofia, I luku (Die
Theosophie der Kirchenlehre, Kapitel I) erklärt.
[31] [Rafael Zacharias Engelberg (1882‒1962),
Schriftsteller und Meinungsführer. ‒
J.M.]
[32] Kalevalan sisällys ja rakenne (Inhalt
und Aufbau der Kalevala), Helsinki 1914, S. 106.
[33] [Siehe Fussnote 37 – M.H.]
[34] [Prof. Kaarle Krohn wurde als
Entwickler der folkloristischen „geographisch-historischen Methode“ (The
Finnish Research Method) bekannt. Mit dieser Methode werden die Frühstadien der
Runen, deren Verwandlungen und der Übergang von einem Ort zum anderen
erforscht. Diese Methode gründet sich auf den Vergleich der Paralleltexte einer
und derselben Rune. Durch die Analysierung der geographischen Verbreitung der
Paralleltexte versuchte Prof. Krohn die früheren Runenversionen bis hin zur
wahrscheinlich ursprünglichen Version zu rekonstruieren. Der Urheber dieser
Methode war ursprünglich sein Vater Julius Krohn. Die Methode gilt als die
erste wissenschaftliche Methode der Folkloristik. ‒ J.M.]
[35] Kalevalan runojen historia (Die
Geschichte der Kalevala-Runen), Helsinki 1903, Suom. Kirj.
Seura, S. 357ff.
[36] [Die im Jahr 1835
herausgegebene erste Version der Kalevala wird die Alte Kalevala genannt. Im
Jahr 1849 veröffentlichte Lönnrot eine erweiterte und einheitlichere Version.
Diese heißt die Neue Kalevala und wird
heute als die einzig richtige anerkannt. Die Schöpfungsgeschichte folgt in der
Alten Kalevala den Paralleltexten der Volksgedichte, in denen Väinämöinen der
Hauptheld ist. Die Handlung der Neuen Kalevala wurde von Lönnrot
zusammengesellt. Um sich einen Einblick in die Weltentstehungsgeschichte der
Alten Kalevala zu schaffen, empfiehlt sich das Lesen der folgenden Verse in dieser
Reihenfolge: 6:1‒230, 7:1‒42 ja 1:177‒280. ‒ J.M.]
[37] Hier muss es keinen
wesentlichen Unterschied zwischen der neuen und der alten Kalevala-Ausgabe
geben. Der Parallelname „Veen emonen“ („Wassermutter“) der Ilmatar
(Lüftetochter) kann in der Rune mit gutem Grund „Väinämöinen“ gewesen sein.
[38] Kalevalan runojen historia (Die Geschichte der Kalevala-Runen),
357ff. [Die in Frage kommenden Verse
lauten in der ursprünglichen Form: „Yksin meillä yöt tulevat, yksin päivät
valkeavat, yksin meillä seppä syntyi, päivällä meni pajaah.” (”Einzeln nahen uns die Nächte, Einzeln leuchten uns die Tage, Einzeln
ward der Schmied geboren, Ging am Tage in die Schmiede“). Mit diesen über
Ilmarinen erzählenden Versen begann Martiska Karjalainen (1768‒1839) die Rune „Das
Schmieden der goldenen Jungfrau“. ‒ J.M.]
[39] Das Meer heißt z.B. auf
Lateinisch mare, in Plural maria. Maria ist der Name der Mutter
Christi (des Logos). Mutter ist auf Lateinisch mater, Materie ist auf Lateinisch materia. Es besteht also zwischen diesen innerlich
gleichbedeutenden Wörtern sowohl der Form als auch dem Klang nach eine
Ähnlichkeit: mater, materia, maria.
[40] [Der „Schwan der Zeit“, in
Sanskrit Kalahamsa, ist Brahma selbst. Eigentlich bedeutet Hamsa „Streifengans“
(Anser indicus), aber in der indischen Dichtung steht das Wort in ästhetischer
Bedeutung für den Schwan. Bei einigen Versionen der Schöpfungsrunen der
Kalevala steht, anstatt der Ente, die Gans. ‒ J.M.]
[41] Die Zahlen können zwischen drei
und acht variieren, denn die „Ebenen“ oder „Welten“ können auf verschiedene
Weise definiert werden.
[42] [Julius Krohn (1835‒1888),
Folklorist und Professor für finnische Sprache und Literatur. Vater des Kaarle
Krohn und Urheber der sog. „geographisch-historischen Methode“. ‒ J.M.]
[43] J. Krohn, Suomalaisen kirjallisuuden historia, I, (Die Geschichte der finnischen
Literatur, I), S. 290ff.
[44] [Probst Johan Andreae Cajanus
(1626‒1703) erzählt in seiner Beschreibung über die Gemeinde Paltamo von einem
Riesen namens Calawa, der 12 Söhne hatte. Als Namen dieser Söhne werden Soini,
Hiisi, Väinämöinen, Ilmarinen und Kihavanskoinen (Kihovauhkonen) genannt. „Mit
diesen Söhnen des Calawa hat der finnische König ganz Russland erobert, worüber
hier die alten Finnen immer noch singen.“(Om Paldamo, Tidningar utgifne af et sällskap i Åbo
1777). ‒ J.M.]
[45] Kalevalan runojen historia (Die Geschichte der Kalevala-Runen), S.
507ff.
[46] [Der Volksdichtung über
Kaukamoinen entsprechen in der Kalevala
die Runen 20 und 27‒29. Das Gedicht über
den Inselländer Ahti findet man in den Runen 11, 12, 30. Dem eigentlichen
Gesang des Lemminkäinen entsprechen die Runen 12, 14, 15, 20, 23, 24, 26, 27. ‒
J.M.]
[47] Das wird am Ender dieses Buches
erklärt.
[48] [Der Name Poseidonis wurde
ursprünglich von dem stoischen Philosophen Poseidonios (ca. 135–50 v. Chr.) für
das Atlantis gegeben. Platon erzählt in seinem Dialog Kritias, dass der
Meeresgott Poseidon sich in die auf dem Atlantis lebende Jungfrau Kleito
verliebte. Ahti ist in Finnland der am häufigsten vorkommende Name für den
Wassergeist. ‒ J.M.]